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Bringt die Russland-Ukraine Krise die Erholung in Europa ins Stocken?

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Die Krise in der Ukraine und die daraus resultierenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen währen fort, ohne dass bisher eine dauerhafte Lösung gefunden werden konnte. Viele Anleger reagierten hierauf mit einem Rückzug aus europäischen Unternehmen, die in Russland engagiert sind. Aber trotz immer mehr Belegen dafür, dass die Ukrainekrise auch in vielen europäischen Ländern ihren Preis fordert, denkt Philippe Brugère-Trelat, Executive Vice President und Portfolio Manager, Franklin Mutual Series®, es wäre für langfristige Anleger unklug, sich aus Europa zurückzuziehen. Eine solide Dynamik bei den Unternehmensumsätzen, hohe Dividendenrenditen und die Möglichkeit einer zusätzlichen Unterstützung durch die Europäische Zentralbank (EZB) sind nur einige der Gründe dafür, warum er zuversichtlich bleibt, dass, wenn die Krise erst einmal vorüber ist, die Erholung in Europa wieder einsetzen wird.

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Philippe Brugère-Trelat,
Executive Vice President, Portfolio Manager
Franklin Mutual Series®

Die Wirtschaftsdaten der letzten Wochen aus der Eurozone waren enttäuschend. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass der Konflikt in der Ukraine hierzu einen Beitrag geleistet hat. Die Schwäche wurde insbesondere in den jüngsten BIP-Zahlen der Eurozone für das zweite Quartal deutlich, insbesondere jenen aus Deutschland. Als größte Volkswirtschaft Europas gilt Deutschland als Motor der Konjunkturerholung in der Region.Das BIP-Wachstum der Eurozone während des zweiten Quartals war im Vergleich zum vorherigen Quartal insgesamt neutral. Dies entsprach nicht den Erwartungen eines weiteren Wachstums und führte zur Sorge, die Konjunkturerholung in der Eurozone sei ins Stocken geraten. Deutschlands BIP lag im zweiten Quartal allgemein überraschend 0,2% niedriger.1 Da die deutsche Wirtschaft mit eine der am stärksten von Russland abhängigen ist, denke ich, dies lässt sich direkt mit den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine in Verbindung bringen.

Nach Erwartungen werden die Daten der Eurozone für das dritte Quartal möglicherweise ebenfalls schwach ausfallen. Grund hierfür sind zum Teil die gegenseitigen, strengen Handelssanktionen, die Russland und der Westen – die USA und Westeuropa, einschließlich Deutschland – gegeneinander verhängt haben. Es lässt sich bereits eine enttäuschende Auftragslage in der Industrie beobachten und deutsche Unternehmen setzen Expansionspläne aus. Die Kapitalausgaben in Deutschland waren niedrig. Das Vertrauen der Unternehmen im Land ist insgesamt angeschlagen.

Wir denken daher, es besteht die Möglichkeit einer Verzögerung der erwarteten Erholung der europäischen Wirtschaft, insbesondere im Fall einer Eskalation der politischen Spannungen.

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Wir glauben aber, es gibt eine Reihe anderer Entwicklungen, die die Märkte potenziell etwas unterstützen könnten, selbst wenn die Krise fortwährt. Zunächst hat die EZB ihre Bereitschaft demonstriert, falls nötig mit noch viel aggressiveren geldpolitischen Maßnahmen, einschließlich quantitativer Lockerungsmaßnahmen einzugreifen. Ich erwarte auch eine weitere Schwäche des Euro. Die dürfte die europäische Wirtschaft stützen, da die Exporte aus Europa konkurrenzfähiger werden würden.

Obwohl die Lage in der Ukraine derzeit besorgniserregend erscheint, glaube ich, Russland kann sich eine länger währende Krise nicht leisten. Die russische Wirtschaft bewegt sich auf eine Rezession zu oder befindet sich sogar schon in einer. Die verloren gegangene Produktivität aufgrund westlicher Sanktionen in Verbindung mit Lieferengpässen und höheren Verbraucherpreisen, die die Russen nun zu bezahlen haben, könnten mit der Zeit zu einem Schwinden der Unterstützung für Präsident Putin führen.

Noch wichtiger ist folgendes aus meiner Sicht: Es ist sowohl in Russlands als auch in Europas langfristigem Interesse, diesen Konflikt zu beenden, denn beide brauchen, was der jeweils andere hat. Russland muss seine auf Ressourcen beruhende Wirtschaft entwickeln und kann ohne europäisches Kapital und europäische Technologien seine Öl- und Gasfelder nicht erschließen. Europa braucht russisches Gas für seine Kraftwerke. Präsident Putin ist sich dessen genau bewusst. Ich glaube daher, diese Krise wird aller Wahrscheinlichkeit nach friedlich gelöst werden und möglicherweise noch vor Ende des Jahres, denn es gibt meiner Meinung nach keine andere tragbare Lösung.

Gleichzeitig glaube ich, die Aktien einiger europäischer Unternehmen, die in Russland tätig sind, wurden durch die Entwicklungen unverhältnismäßig stark abgestraft. Das deutet unserer Meinung nach darauf hin, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, über den Kauf europäischer Aktien nachzudenken.

Attraktivität europäischer Werte

Ein Grund europäische Unternehmen in einem positiven Licht zu sehen ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass, wenn man über die kurzfristige Schwäche der Konjunkturdaten einmal hinwegsieht, die Umsatzergebnisse auf Unternehmensniveau in der Tat besser als erwartet waren. Die Umsätze europäischer Unternehmen präsentierten sich im zweiten Quartal 2014 insgesamt solide. Hinzu kommen die generell positiven Prognosen für die nächsten zwei oder drei Quartale. Da ist es nicht schwer, in Hinsicht auf die Wachstumsaussichten für europäische Unternehmen optimistisch zu sein.

Tatsache ist, ein großer Teil des erwarteten Wachstums stammt von außerhalb der europäischen Grenzen. Die Umsatzzahlen europäischer Unternehmen für das zweite Quartal veranschaulichen dies recht gut, denn ein großer Anteil kommt aus Nordamerika und China. Diese Märkte sind solide gewachsen und für viele Unternehmen in Deutschland und anderenorts viel wichtiger als Russland.

Ich glaube, europäische Unternehmen dürften auch durch den abschwächenden Euro Rückenwind erhalten. Die Währung fiel von 1,40 US-Dollar noch am 6. Mai 2014 auf unter 1,30 US-Dollar am 11. September.2  Das wirkt sich jetzt schon auf die Unternehmensumsätze in Europa aus und wir gehen davon aus, dass dies eine gute Entwicklung für europäische Aktien ist. Denn eine schwächere Währung könnte diese Unternehmen sogar noch konkurrenzfähiger machen.

Eine weitere Dynamik, die europäische Aktien derzeit für uns attraktiv macht, ist die durchschnittliche Dividendenrendite des Stoxx 600, dem europäischen Gegenstück zum S&P 500 Index, denn sie ist viel attraktiver als in den USA. Das bedeutet, Anleger erhalten eine nette Ausschüttung einfach nur dafür, dass sie die Aktien dieser Unternehmen halten. Dies insbesondere zu einer Zeit, zu der (Stand: 1. September) zehnjährige deutsche Bundesanleihen weniger als 1% Rendite brachten.3 Dabei wird das Potenzial weiterer, zukünftiger Verbesserungen der Unternehmensumsätze und Gewinnspannen noch gar nicht einmal berücksichtigt.

Insbesondere deutsche Aktien erscheinen uns zunehmend attraktiv und inmitten der russischen Krise können wir Wert entdecken. Wir mögen Aktien im Sektor zyklische Konsumgüter, denn ihre Bewertungen sind im Vergleich zu anderen Sektoren, wie Gesundheitswesen und nichtzyklische Konsumgüter, niedrig. Wir finden in dieser Sparte viele Unternehmen mit soliden Bilanzen, gutem Cashflow und einer guten Geschäftsführung. Dabei gefallen uns Automobilhersteller, Einzelhändler, Aktien aus dem Freizeitbereich und Finanzwesen, einschließlich Banken, ganz besonders gut. Wir favorisieren generell auch Industriewerte und halten Unternehmen, die derzeit umstrukturiert werden, derzeit für besonders attraktiv.

Bei allen Krisen oder anderweitigen Marktverwerfungen, wie die Lage, die wir in Europa beobachten können, ist es wichtig, das Gesamtbild nicht aus dem Auge zu verlieren. Wenn wir investieren erstreckt sich unser Zeithorizont über Jahre und nicht nur Monate. Wir verhalten uns sehr oft dem Trend entgegenläufig und sind bisweilen auch früh dran. Nichtsdestotrotz sehen wir keinen Grund dafür nicht weiterhin an Orten nach langfristigem Wert zu suchen, an denen andere nur kurzfristige Risiken sehen – in diesem Fall in Europa.

 

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