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Auswirkungen der US-Wahlen auf Europa: Was viele Beobachter übersehen

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Anleger weltweit werden schon seit Monaten von der globalen politischen Unsicherheit geplagt. Nachdem das Brexit-Referendum in Großbritannien nun hinter uns liegt, richtet sich das Augenmerk auf die US-Präsidentschaftswahlen. In diesem Blog erörtert David Zahn, Head of European Fixed Income, welche Auswirkungen die Bekanntgabe des neuen Amtsinhabers im Weißen Haus auf die internationalen Märkte haben könnte. Unter anderem erklärt er, warum die für das nächste Jahr angesetzten Brexit-Verhandlungen durchaus anders als erwartet verlaufen könnten, sollte Donald Trump am 8. November zum Wahlsieger gekürt werden. Darüber hinaus erörtert Zahn die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich des in Italien geplanten Verfassungsreferendums.

David Zahn
David Zahn

David Zahn, CFA, FRM
Head of European Fixed Income
Senior Vice President, Portfolio Manager
Franklin Templeton Fixed Income Group

Wenn ich die heutige Investmentlandschaft betrachte, fällt mir auf, dass die Finanzmärkte heute vor allem durch zwei Dinge bestimmt werden: Zentralbankpolitik und politische Entwicklungen. Längerfristig werden makroökonomische Fundamentaldaten natürlich weiterhin von Bedeutung sein – im Moment rücken sie hinsichtlich ihres Einflusses auf die Märkte jedoch eher in den Hintergrund.

Anleger weltweit achten derzeit ganz genau auf die Entwicklungen im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen. Meine Erfahrung aus Gesprächen mit Anlegern und Anlageexperten in Europa deutet darauf hin, dass ein Wahlsieg Donald Trumps erhebliche direkte Auswirkungen auf die Märkte dieser Regionen haben könnte. Die Wahlkampfrhetorik des republikanischen Kandidaten hat erhebliche Sorgen dahingehend ausgelöst, wie wohl er als amtierender Präsident agieren würde.

Es ist wahr, dass sich bislang noch kein klares, detailliertes Bild der von Trump zu erwartenden Politik abzeichnet. Einige Beobachter haben eine Reihe seiner Aussagen jedoch als globalisierungsfeindlich ausgelegt. Er scheint auch angedeutet zu haben, dass sich die USA zu stark militärisch im Ausland engagieren – ein Signal dafür, dass er die Mitwirkung des Landes in Organisationen wie dem Nordatlantischen Bündnis (NATO) zurückfahren könnte. Beide Positionen dürften insbesondere Europäern Sorgen bereiten.

Ich denke, dass Beobachter die Bedeutung der militärischen Unterstützung der USA für Europa – insbesondere im Rahmen der NATO – allgemein unterschätzen. Müsste Europa beispielsweise eigene militärische Kapazitäten aufbauen, um die Fußstapfen der USA zu füllen, so würde dies für die europäischen Staaten eine erhebliche Belastung darstellen, da viele von ihnen heute einen relativ geringen Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung ausgeben.

Weiterhin könnten sich Konsequenzen für das andere große politische Gesprächsthema des Tages ergeben: die Art und Weise, wie Großbritannien die Europäische Union (EU) verlässt.

Derzeit ist Großbritannien einer der wenigen EU-Mitgliedstaaten, die 2% ihres BIP für Verteidigung ausgeben. Sollte das Interesse einer neuen Regierung unter Trump an einer Verteidigung Europas als gering wahrgenommen werden, könnte dies die Beamten der EU dazu veranlassen, sich vermehrt für eine weiterhin starke Einbindung Großbritanniens auszusprechen.

Ganz gleich, wie sich die politische Lage in den USA im Nachgang der Präsidentschaftswahlen am 8. November gestaltet: die Brexit-Verhandlungen des Vereinigten Königreichs dürften noch über Monate, wenn nicht gar Jahre hinweg unter Anlegern für Gesprächsstoff sorgen.

Die britische Premierministerin Theresa May hat angekündigt, die offizielle Entkopplung Großbritanniens von Europa durch Geltendmachung von Artikel 50 des Lissabon-Vertrags bis März 2017 anstoßen zu wollen. Aus meiner Sicht ist dies eine merkwürdige Wahl, da dies bedeuten würde, äußerst komplizierte politische Verhandlungen während bzw. unmittelbar im Vorfeld wichtiger Wahlkampagnen in Deutschland und Frankreich einzuleiten.

Ich frage mich, warum ein Staatsoberhaupt einen möglicherweise äußerst harten und schmerzhaften Prozess in dem Wissen anstoßen sollte, dass sich zwei der wichtigsten Verhandlungspartner während eines Zeitraums von mindestens sechs Monaten nicht auf den Brexit konzentrieren werden. Und sollte es in diesen Ländern dann zu einem Regierungswechsel kommen, bei dem sich die neuen Regierungsparteien zunächst auf andere innenpolitische Themen konzentrieren dürften, könnte dieser Zeitraum sogar noch länger werden.

Weiterhin halte ich es für unwahrscheinlich, dass jemand, der für ein politische Amt in Frankreich oder Deutschland kandidiert, den Eindruck vermitteln will, es den britischen Verhandlungsführern leicht machen zu wollen. Somit dürfte die Anfangsphase der Brexit-Gespräche alles andere als glatt verlaufen.

In meinen Augen hat sich somit die Wahrscheinlichkeit eines sogenannten „harten Brexit“ erhöht. In anderen Worten: Großbritannien würde den vollen Zugang zum Binnenmarkt sowie zur Zollunion mit der EU aufgeben müssen.

Ich denke, dass ein Brexit ohne entsprechende Handelsabkommen, die den Verlust dieses Zugangs zu den Märkten der EU ausgleichen, für die britische Wirtschaft negativ wäre. Allerdings wäre eine solche Entwicklung angesichts des starken Handels zwischen den beiden Regionen auch für die europäische Wirtschaft ungünstig. Eine europäische Wirtschaft, die nur langsam wächst, kann es sich unserer Ansicht nach nicht wirklich leisten, einen solchen Handelspartner zu verlieren.

Es gibt bereits heute Anzeichen dafür, dass sich die Sorgen um die Ausgestaltung des Brexit in der Stärke des Pfund Sterling niederschlagen: sobald Schlagzeilen darauf hindeuten, dass der Brexit härter ausfallen könnte als von der britischen Regierung vermutet wird, gibt das Pfund in der Regel nach. Ich bin der Ansicht, dass ein „harter Brexit“ weitere Kursverluste nach sich ziehen könnte, was wiederum eine weitere geldpolitische Lockerung zur Folge haben dürfte.

Optimisten führen die seit der Abstimmung am 23. Juni relativ positiven makroökonomischen Daten aus Großbritannien als Beleg an, dass die Sorgen um den Brexit überzogen sind. Allerdings muss auch beachtet werden, dass bislang noch nichts wirklich passiert ist. Großbritannien ist nach wie vor Teil der EU, mit allen Kosten und Vorteilen, die diese Mitgliedschaft birgt.

In Anbetracht dieser Tatsache hätten wir auch keine sofortige Verschlechterung der Daten erwartet. Märkte und Unternehmen wissen, dass ein Wandel bevorsteht, und das schlägt sich auch in Meldungen über teils sinkende Investitionen nieder. In Wirklichkeit hat sich der Alltag der meisten Menschen bislang jedoch kaum verändert.

Könnten möglicherweise „zurückhaltende Trump-Anhänger“ den Ausschlag geben?

Die Stimmung an den Finanzmärkten im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen erinnert mich stark an die Zeit vor dem Brexit-Referendum in Großbritannien. Damals hatten die Märkte die Möglichkeit eines Ausscheidens Großbritanniens aus der EU scheinbar als höchst unwahrscheinlich abgetan. Und auch jetzt fühlt es sich so an, als würden die Märkte allgemein davon ausgehen, dass Hillary Clinton gewinnt. Die Chancen Donald Trumps darauf, als nächster Präsident ins Weiße Haus einzuziehen, werden als gering eingeschätzt – wenngleich als höher als in der Vergangenheit.

Viele Meinungsumfragen sehen Clinton offenbar als Siegerin. Jüngste Wahlen in anderen Teilen der Welt legen jedoch nahe, dass die Unterstützung für Trump in Realität höher sein könnte als die Umfragen vermuten lassen, da viele Unterstützer kontroverser Kandidaten ihre Meinung nicht allzu öffentlich kundtun wollen.

Dieses Phänomen ist in Europa bereits wohlbekannt. In Italien wird es als der „Berlusconi-Faktor“ bezeichnet, benannt nach dem ehemaligen italienischen Premierminister Silvio Berlusconi. Die Umfragewerte des für sein extravagantes Auftreten bekannten Berlusconi waren im Vorfeld von Parlamentswahlen fast immer schwach – letzten Endes waren die Ergebnisse jedoch deutlich besser als die Umfragen hatten vermuten lassen. Ähnliches ließ sich auch in Großbritannien beobachten, wo die „zurückhaltenden Tories“ ihre Unterstützung für die konservative Mitte-Rechts-Partei im Vorfeld der Parlamentswahlen 2015 vor den Meinungsforschern verschwiegen hatten. Letztlich erzielten die Konservativen eine überraschende Mehrheit, auch wenn viele der Umfragen zuvor auf ein gegenteiliges Ergebnis hingedeutet hatten.

Anleger warten das Ergebnis des Referendums in Italien ab

Es lässt sich durchaus konstatieren, dass die zuletzt abgehaltenen Referenden weltweit für ihre Organisatoren nicht sonderlich erfolgreich verlaufen sind. Ob sich diese traurige Tradition mit dem für den 4. Dezember angesetzten Volksentscheid über eine Verfassungsreform in Italien fortsetzen wird, bleibt abzuwarten.

Die jüngsten Umfragen deuten auf ein sehr knappes Ergebnis hin. Es scheint jedoch, dass sich ein Großteil der Bevölkerung noch keine Meinung gebildet hat.

Ich war erst kürzlich eine Weile in Italien und habe dort den Eindruck gewonnen, dass viele Menschen nicht genau wissen, worüber genau sie abstimmen sollen. Von einer Person wurde mir erklärt: „Wir wissen, dass wir über etwas abstimmen, das dafür sorgen dürfte, dass das System besser funktioniert. Und das sollte ausreichen, da das momentane System nicht funktioniert.“

Anberaumt wurde das Referendum vom italienischen Premierminister Matteo Renzi. Das potenzielle Problem ist nun, dass die Wähler ihre Entscheidung von ihrer Einschätzung der aktuellen Regierung abhängig machen könnten. Es könnte also zu einer Art Vertrauensvotum für ihn werden.

Renzi hatte ursprünglich erklärt, er werde im Fall einer Niederlage zurücktreten. Inzwischen scheint er jedoch von dieser Position abgerückt zu sein, und er erklärt nun, bei der Abstimmung ginge es nicht um ihn, sondern um eine Veränderung des politischen Systems. Er hat angekündigt, ungeachtet des Ergebnisses bis 2018 im Amt bleiben zu wollen. Meiner Meinung nach wäre das jedoch kaum haltbar. Sollte er eine empfindliche Niederlage erleiden, dürfte es für ihn meiner Ansicht nach schwierig werden, im Amt zu bleiben.

Aus Anlegersicht würden wir erwarten, dass italienische Anleihen weiterhin unter Druck bleiben, bis sich diese politische Unsicherheit auf die ein oder andere Art gelegt hat. Derzeit sehen wir bei einer Abwägung der Risiken und der Ertragsmöglichkeiten eher eine negative Tendenz. In anderen Worten: wenn Renzi die Abstimmung verliert, würde es uns nicht überraschen, wenn italienische Anleihen das europäische Schlusslicht bilden. Sollte sich die Bevölkerung jedoch für eine Verfassungsänderung entscheiden, so erwarten wir lediglich eine geringe Outperformance.

Wir gehen davon aus, das der Einfluss politischer Turbulenzen in den kommenden Wochen und Monaten steigen wird. Politische Unsicherheit könnte zweifellos Auswirkungen auf die Anlegerstimmung und die Weltwirtschaft haben. Daher werden die aktuellen Entwicklungen auch weiterhin genau im Auge behalten.

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