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Perspektiven

Deutschland hat gewählt: Wie geht es nach Merkels Wiederwahl mit Europa weiter?

Dass Angela Merkel erneut zur Bundeskanzlerin gewählt werden würde, war zwar zu erwarten – die Konsequenzen ihrer Wiederwahl vorherzusagen, gestaltet jedoch schwieriger. Hier äußern sich drei unserer Portfoliomanager mit besonderem Interesse an Europa darüber, was Merkels Wahlsieg für die Region bedeuten könnte.

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Merkel dürfte ihr heimisches Publikum stets im Auge behalten

Angela Merkel ist erwartungsgemäß erneut zur Bundeskanzlerin gewählt worden. Das große Thema dieser Wahl war für viele Kommentatoren das Maß an Unterstützung, das die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland (AfD) gewinnen konnte.

Erstmals seit mehr als 50 Jahren sitzt nun eine rechtsextreme Partei im Bundestag.

Der Populismus ist nicht tot

Unserer Einschätzung nach belegt dies nur allzu deutlich, dass Populismus in Europa trotz der Ergebnisse der französischen und niederländischen Wahlen in diesem Jahr nicht tot ist. Er ist lediglich vorübergehend in den Hintergrund getreten.

Aus unserer Sicht ist es wichtig, die Situation nicht zu überbewerten: Realistischerweise ist es unwahrscheinlich, dass die AfD kurzfristig erheblichen Einfluss auf die Politik in Deutschland haben wird, und wir würden keine dramatische Reaktion des Rentenmarktes auf diese Entwicklungen erwarten.

Wir sind jedoch der Ansicht, dass die Unterstützung, die die AfD erhalten hat, ein Protestvotum derjenigen Menschen darstellt, die mit der aktuellen Entwicklung in Deutschland unzufrieden sind. Das könnte Einfluss auf den Kurs haben, den Merkel im Nachgang der Wahl einschlägt.

Wirtschaft weiterhin im Mittelpunkt

Politiker der großen Parteien, darunter auch Merkel, werden sicherlich die Gründe für diese zunehmende Unterstützung für extreme Parteien untersuchen wollen. Und sie dürften aller Wahrscheinlichkeit nach Maßnahmen ergreifen wollen, um sicherzustellen, dass die Extremisten bei den nächsten Wahlen nicht noch besser abschneiden.

Wie wir bereits früher angemerkt haben, tritt Populismus in der Regel in den Hintergrund, wenn die Wirtschaft gut läuft. Macht sich jedoch Unzufriedenheit breit, so kann er schnell erneut zutage treten. Daher rechnen wir damit, dass die Politiker ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die Wirtschaft widmen werden.

Menschen ziehen in der Regel nicht auf die Straße, wenn sie etwas zu essen auf dem Tisch haben.

Möglicherweise wird Merkel jedoch auch ihren Ansatz für eine verstärkte Integration der Europäischen Union (EU) überdenken wollen.

In der Vergangenheit schien Merkel eine engere politische und fiskalische EU-weite Union vorsichtig zu unterstützen.  Nun muss sie sich vielleicht genauer überlegen, wie diese Entwicklungen wohl von ihren heimischen Zielgruppen aufgenommen werden.

Angesichts des europafreundlichen Mandats des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist es andererseits jedoch unwahrscheinlich, dass Merkel irgendetwas tun würde, das ihre wahrgenommene Rolle als de-facto-Anführerin Europas gefährden würde.

Gründe für langfristigen Optimismus

Angela Merkels Wahlsieg bei der deutschen Bundestagswahl wird für die meisten Anleger wohl keine Überraschung gewesen sein. Die Unterstützung für extremistische Parteien hingegen dürfte hier und da durchaus für Aufsehen sorgen.

Ich denke, der Markt wird sich insbesondere hinsichtlich der Unterstützung für die populistische Partei Alternative für Deutschland (AfD), die sich erstmal Sitze im Bundestag sichern konnte, Sorgen machen.

Der ein oder andere könnte den Aufstieg der AfD als ein Wiederaufflackern der Art populistischer Tendenzen sehen, die sich schon beim britischen Brexit-Votum sowie in gewissem Maße auch bei der US-Präsidentschaftswahl bemerkbar gemacht hatten.

Europäische Aktien könnten auf erhöhte Volatilität zusteuern

Derartige Populismusängste könnten eine höhere Volatilität bei europäischen Aktien auslösen. Dementsprechend dürfte sich der Markt aller Wahrscheinlichkeit nach defensiver und im Hinblick auf Bewertungen verhaltener zeigen. Wir gehen davon aus, dass sich die defensiveren Sektoren Technologie und nichtzyklische Konsumgüter im Vergleich zu Finanz- oder Energiewerten relativ gut halten dürften.

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass es sich hierbei lediglich um ein einziges Wahlergebnis handelt. Unserer Einschätzung nach gibt es aus Anlegersicht gute Gründe für Optimismus.

Mehrere Kernländer der Eurozone nähern sich einer Vollbeschäftigung, und angesichts der Verknappung der Arbeitskapazitäten sehen wir erste Anzeichen auf Lohnsteigerungen.

Eine weitläufige wirtschaftliche Erholung in Europa sollte dem Populismus den Wind aus den Segeln nehmen, da sich politischer Aktivismus in der Vergangenheit stets abgeschwächt hat, wenn es mehr Menschen besser erging.

Aus unserer Sicht befinden sich die Gewinne europäischer Unternehmen bereits in der Frühphase einer Erholung. Wenn wir das makroökonomische Umfeld betrachten, liegt die Arbeitslosigkeit innerhalb des Euroraums auf dem niedrigsten Stand seit acht Jahren, während die Frühindikatoren für das verarbeitende Gewerbe auf ein Sechs-Jahres-Hoch geklettert sind.

Erholung der Unternehmensgewinne macht sich allmählich bemerkbar

Dieses positive Umfeld trägt dazu bei, die Erholung der Unternehmensgewinne, die sich allmählich bemerkbar macht, zu untermauern.

Das zweite Quartal 2017 war das erste Quartal seit der Finanzkrise von 2007-2008 in dem die Eurozone ein stärkeres Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verzeichnete als die USA.

Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass sich die Anleger allmählich von den defensiveren Bereichen des europäischen Marktes abwenden könnten.

Wir rechnen damit, dass sich Anleger im Laufe der Zeit zunehmend auf zyklischere Unternehmen wie Banken und Versicherungsunternehmen und sogar Energie- und Industriefirmen konzentrieren werden. Dies sind Bereiche, in denen wir Chancen erwarten.

Viele dieser eher zyklischen Unternehmen steigern ihren Gewinn gegenüber einer niedrigen Ausgangsbasis, und ihre aktuellen Bewertungen tragen diesem Umstand Rechnung.

Wie geht es mit der Inflation weiter?

Das einzige wesentliche Merkmal, das dem Aktienmarkt allgemein fehlt, ist Inflation.

Derzeit verzeichnen sowohl die USA als auch Europa Wachstum ohne Inflation. Wir würden davon ausgehen, dass selbst ein Hauch von Inflation die momentanen zyklischen Trends verschärfen dürfte.

Es gibt Hinweise darauf, dass die Inflation in der Eurozone aufwärts tendiert. Dies betrifft sowohl die Verbraucher- als auch die Erzeugerpreise. Aufgrund der jüngsten Anzeichen auf robuste Konsumausgaben gehen wir davon aus, dass sowohl die Gesamt- als auch die Kerninflation weiterhin ihrem Aufwärtstrend folgen sollte.

Zudem haben wir in den letzten Jahren beobachten können, dass Inflationsängste in der Regel gegen Ende des Jahres wieder aufflackern.

In der Vergangenheit hat sich immer wieder gezeigt, dass in Situationen, in denen die Inflation in Europa ansteigt, die Erträge stärker steigen als in anderen Regionen der Welt. Teilweise ist dies auf den hohen Anteil von Finanz- und Rohstoffunternehmen in Europa zurückzuführen.

Wir würden erwarten, dass sich Ertragssteigerungen relativ schnell auch in höheren Aktienkursen niederschlagen.

Merkels Beziehung zu Macron könnte entscheidend sein

Nachdem Angela Merkel erneut zur deutschen Bundeskanzlerin gewählt wurde und sich Emmanuel Macron allmählich an seine Rolle als französischer Präsident gewöhnt hat, dürfte die Kooperation zwischen den beiden Ländern unserer Einschätzung nach für die Zukunft der EU äußerst positiv sein.

Diese Partnerschaft dürfte sich als besonders wichtig erweisen, wenn die Brexit-Verhandlungen der EU mit dem Vereinigten Königreich in die nächste Phase gehen.

Es hat uns beeindruckt, wie sehr die Brexit-Situation den Wunsch nach einem engeren Zusammenhalt zwischen den verbleibenden Mitgliedern der EU gestärkt hat. Dies gilt insbesondere für Frankreich und Deutschland, die hierbei eine tragende Rolle spielen.

Merkel ist eine bekannte Größe

Aufgrund ihrer bisherigen Erfolgsbilanz gilt Merkel in vielerlei Hinsicht als bekannte Größe, während Macron seine Glaubwürdigkeit erst noch verdienen muss.

Macron ist ein stark überzeugter Verfechter des europäischen Gedankens, und wir gehen davon aus, dass er seine Agenda zur Förderung einer engeren europäischen Einheit weiter vorantreiben wird. Nun dürfte er aus unserer Sicht in Deutschland ein wohlgeneigtes Publikum gefunden haben.

Wenn es Macron gelingt, Fahrt aufzunehmen, könnte sich seine Glaubwürdigkeit (im Vergleich zu der von Frau Merkel) deutlich erhöhen. Es könnte zu einer echten Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland bei der strukturellen Gestaltung der EU kommen.

Für Anleger könnten sich die Folgen dieser engeren Kooperation beispielsweise im Finanzsektor, im Verteidigungssektor sowie in verschiedenen Maßnahmen für den Infrastruktursektor bemerkbar machen. Diese Kooperation könnte sich auch für die breitere Wirtschaft Europas als günstig erweisen.

Nachdem die deutschen und französischen Wahlen nun hinter uns liegen und Merkel ein neuerliches Mandat erhalten hat, könnte unserer Einschätzung nach eine dynamische Entwicklung in Gang gesetzt werden, sobald Macron bewiesen hat, dass er die lang ersehnten Reformen sowohl in Frankreich als auch innerhalb der EU durchsetzen kann.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

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