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Anleihen

Gedanken zur aktuellen Lage: Umgang mit dem technologischen Wandel

Ende Mai fand das jährliches Global Investor Forum in San Francisco statt. Das Forum ist stets eine großartige Gelegenheit, um mit unseren Kunden unsere Einschätzung des globalen Konjunkturausblicks und der Anlagemärkte zu teilen und gemeinsam von Managern aus Top-Unternehmen und Vordenkern, die als externe Referenten zu uns stoßen, Neues zu erfahren.  Für unser Forum 2019 wählten wir Technologie und Innovation als Leitthema. Die Referentenliste umfasste eine Reihe von Koryphäen, darunter Shantanu Narayen, Chief Executive Officer (CEO) bei Adobe, den Workday-CEO Aneel Bhusri und Daniel Schulman, CEO von PayPal.

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Wie viele Unternehmen unserer Branche konzentrieren wir uns derzeit stark auf Finanztechnologien („FinTech“) und Franklin Templeton Fixed Income setzt vermehrt auf die Rolle der Datenwissenschaft und -analyse – mehr dazu in einem späteren Artikel. In diesem Forum wollten wir jedoch untersuchen, welche allgemeineren Auswirkungen diese technologischen Innovationen auf die Wirtschaft sowie auf unser Privat- und Berufsleben haben werden. Ich möchte Sie an dieser Stelle über einige wichtige Erkenntnisse des Forums informieren und Sie an meinen persönlichen Überlegungen hierzu teilhaben lassen.

Erstens: Die Geschwindigkeit des Wandels ist schwindelerregend und stellt für Unternehmensstrategien eine enorme Herausforderung dar. Mir ist bewusst, dass der Begriff des „immer rasanteren Innovationstempos“ inzwischen schon fast zu einem geflügelten Wort geworden ist. Wenn Sie sich jedoch vor Augen halten, wie schnell sich die Rechenleistung immer weiter steigert (tatsächlich verliert das Mooresche Gesetz seine Gültigkeit, stattdessen stehen Quantencomputer vor der Tür)1 und wie rasant die Kosten für die Speicherung, Verarbeitung und Übertragung von Daten sinken, wird klar, weshalb diese Phrase in aller Munde ist: Sie entspricht schlicht und ergreifend der Wahrheit.

Noch bedeutender ist aus meiner Sicht folgende Statistik: Die durchschnittliche Lebensdauer eines Fortune 500-Unternehmens ist von etwa 70 Jahren auf etwas mehr als 10 Jahre gesunken. Lassen Sie diese ernüchternde Aussage auf sich wirken: Auch wenn Sie eines der erfolgreichsten Unternehmen sind, liegt Ihre durchschnittliche Lebenserwartung kaum über 10 Jahre. Innovation stört das Wettbewerbsumfeld und Strategien entsprechend anzupassen ist nicht einfach. Shantanu Narayen erzählte, wie er Adobe dazu brachte, auf ein Cloud-basiertes Abonnementmodell umzusteigen, um schnellere Innovationen in der Produktreihe des Unternehmens zu ermöglichen: Allein deutlich zu machen, wie sich der plötzliche Rückgang der kurzfristigen Einnahmen in Form höherer wiederkehrender Einnahmen am Ende auszahlen würde, war eine schwierige Aufgabe. Unsere Analysten, die sich mit dem Unternehmenssektor befassen, haben einen noch schwierigeren Job – die genaue Kenntnis der fundamentalen Stärke eines jeden Unternehmens, einschließlich der Beurteilung seiner Fähigkeit, sich in einem vom raschen Wandel geprägten Umfeld erfolgreich weiterzuentwickeln, ist wichtiger denn je.

Zweitens: Die Auswirkungen von Innovationen auf Produktivität, Wirtschaftswachstum und Welthandel werden gravierender sein, als die meisten Menschen glauben. In meinem letzten Artikel habe ich festgestellt, dass technologische Innovationen bereits den Aufstieg der lokalen Lieferketten vorangetrieben haben, so dass die Elastizität des globalen Wirtschaftswachstums gegenüber dem globalen Handel viel geringer ist als früher. Dies ist ein Beispiel, an dem die starke Wirkung von Innovationen auf wirtschaftliche Entwicklungen bereits deutlich zu erkennen ist.

Und es werden viele weitere Beispiele folgen. Bisher waren die Auswirkungen auf die Produktivität begrenzt und die Ökonomen diskutieren immer noch darüber, weshalb dieser Innovationsboom mit einem Produktivitätseinbruch einhergegangen ist: In den Vereinigten Staaten sank die Rate des Produktivitätswachstums von durchschnittlich 3 % in den Jahren 1996 bis 2005 auf nur noch 0,8 % in den Jahren 2011 bis 2018. In den meisten anderen Industrieländern war ein ähnlicher Rückgang zu verzeichnen.

Allerdings hat das Produktivitätswachstum in der letzten Zeit wieder an Fahrt aufgenommen und jetzt wird das Aufkommen von 5G-Netzwerken die Entwicklung des sogenannten Internets der Dinge und – was noch wichtiger ist – des industriellen Internets der Dinge beschleunigen (also eine Welt, in der die meisten Industriemaschinen über eine leistungsstarke eingebettete Computerkapazität verfügen). Dasselbe gilt für Fahrzeuge, die Straßenbeleuchtung und viele andere Alltagsgegenstände. Die Geschwindigkeit von 5G wird es all diesen Maschinen und Geräten, die sich „am Rand“ des Netzwerks befinden, ermöglichen, extrem schnell mit Cloud-basierten Systemen der künstlichen Intelligenz (KI) zu kommunizieren, wodurch die Latenzzeit reduziert wird.

Da die Datenverarbeitung dann in der Cloud erfolgen kann, kann jede Maschine „intelligent“ werden, ohne dass ein hochleistungsfähiger Computer in ihre eigene Hardware eingebettet werden muss. Ja, es wird noch etwas Zeit brauchen, bis diese Innovationen im großen Stil umgesetzt werden. Es wird einige Zeit dauern, bis die neuen intelligenten Maschinen des Internets der Dinge durch neue Investitionen in das Stammkapital aufgenommen wurden, bis die Unternehmen ihre Betriebs- und Managementpraktiken angepasst haben, um diese neuen Fähigkeiten optimal nutzen zu können, und bis die Fähigkeiten der Mitarbeiter dem neuen Stand der Technik entsprechen. Falls Sie jedoch bezweifeln, dass diese Innovationen eine Produktivitätssteigerung bewirken werden, sollten Sie Ihre Überzeugung noch einmal überdenken. Sollten die Investitionen stabil bleiben, glaube ich, dass wir auf ein viel schnelleres Produktivitätswachstum und ein stärkeres Wirtschaftswachstum zusteuern und all das Gerede von „dauerhafter Stagnation“ Schnee von gestern sein wird.

Ein schnelleres Produktivitätswachstum würde auch die aktuellen Argumente zunichte machen, dass der natürliche Realzins für immer viel niedriger sein wird als früher – ein weiterer Grund, warum ich denke, dass eine lange Duration2 für uns im Moment keine gute Investitionsoption darstellt.

Drittens: Daten sind Ihr wichtigstes Gut, gleichzeitig aber auch Ihre größte Herausforderung. Daniel Schulman, CEO von PayPal, hat eine beeindruckende Statistik vorgelegt: 2018 wurden über 80 Billionen E-Mails versandt, von denen 5 Billionen mit einem Virus infiziert waren. Jeden Tag wurden 10 Milliarden Facebook-/WhatsApp-Nachrichten gesendet und 1 Milliarde Tweets abgesetzt (sowie 1,4 Milliarden Tinder-Swipes!).

Da die Datenübertragung und -speicherung immer billiger wird, generieren und sammeln wir immer mehr Daten. Mehr Daten ermöglichen intelligentere Entscheidungen, aber nur, wenn Sie das
Wesentliche vom Unwichtigen trennen können, was mit zunehmender Datenmenge exponentiell schwieriger wird. Maschinelles Lernen kann hier ein starker Verbündeter sein, muss aber durch
menschlichen Sachverstand ergänzt werden. Die fortschreitende Datenrevolution ist mit zwei weiteren wichtigen Aspekten verbunden, die für Investoren relevant sind. Der eine ist Datenschutz und -eigentum. Die Debatte über Datenschutz und Regulierung hat gerade erst begonnen; sie wird weit über Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter hinausgehen und sich auf das Gesundheitswesen und andere Wirtschaftssektoren auswirken.

Die zukünftige Entwicklung von Regeln und Vorschriften zum Datenschutz und Dateneigentum wird einen wichtigen Einfluss auf Geschäftsmodelle und Anlageentscheidungen haben. Der zweite, damit verwandte Aspekt ist die Cybersicherheit. Dieser Aspekt wird bei Geschäftsstrategien, Anlagerisikobewertungen und geopolitischen Entwicklungen eine immer wichtigere Rolle spielen.
Viertens: Die Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Einkommen werden viel differenzierter sein, als es die Schlagzeilen vermuten lassen. Die vorherrschende Meinung ist, dass wir auf eine
Massenautomatisierung und weit verbreitete Arbeitslosigkeit zusteuern – und zwar schnell. Die Nachrichten wurden durch wirtschaftliche Untersuchungen bestimmt, in denen prognostiziert wurde, dass wahrscheinlich viele Arbeitsplätze der Automatisierung zum Opfer fallen werden.3 Die Fabrik der Zukunft wird nur zwei Mitarbeiter haben – einen Menschen und einen Hund. Die Aufgabe des Menschen ist es, den Hund zu füttern, und der Hund soll aufpassen, dass der Mensch nichts anfasst. So wurde gewitzelt. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die Beschäftigungszahlen erreichen immer weiter neue Rekordhöhen: Die Vereinigten Staaten haben heute 10 Millionen Arbeitsplätze mehr als beim vorherigen Höchststand der Beschäftigung vor der Rezession 2009 und die Arbeitslosenquote ist auf ein 50-Jahres-Tief gefallen.

Können wir uns also unbesorgt zurücklehnen? Keineswegs. Das rasante Innovationstempo erfordert andere Fähigkeiten der Arbeitskräfte und die aktuellen Anzeichen erheblicher Qualifikationsdefizite in der Fertigung deuten darauf hin, dass wir in dieser Hinsicht nicht sehr gut abschneiden. Wir müssen die Komplementarität zwischen Mensch und Maschine viel besser verstehen, um sicherzustellen, dass Innovation nicht nur zu mehr Arbeitsplätzen führt, sondern zu besseren Arbeitsplätzen, die höher entlohnt werden – und zu höherer Produktivität.

Für uns als Investoren hat all dies mehrere wichtige Bedeutungen:

• Erstens: In dieser datenreichen Welt ist die KI ein mächtiges neues Werkzeug, aber kein Allheilmittel. Moderne datenwissenschaftliche Fähigkeiten werden für eine erfolgreiche
Anlagestrategie immer wichtiger, aber Sie müssen fundierte Investmentexpertise mit solidem Analysewissen kombinieren, um diese Fähigkeiten effektiv einsetzen zu können. Die
Datenwissenschaft könnte Sie leicht in die Irre führen, wenn Ihnen profunde Kenntnisse über die Datenwissenschaft, das Geschäftsproblem, das es zu lösen gilt, und die wirtschaftlichen und
marktwirtschaftlichen Grundlagen, die zu bewerten sind, fehlen.
• Zweitens: Die Beachtung der unternehmens-, branchen- und länderspezifischen Fundamentaldaten ist wichtiger denn je. Die Innovation hat bereits begonnen, Unternehmen und Branchen in einem  beispiellosen Tempo zu erschüttern und das traditionelle Wettbewerbsgleichgewicht zwischen den Ländern zu stören.
• Drittens: Wir müssen das makroökonomische Umfeld anders betrachten. Die Innovation hat den Charakter des Welthandels bereits verändert. Wir beginnen gerade erst zu verstehen, welche
Auswirkungen dies auf Qualifikationen, Arbeitsplätze und Einkommen hat. All dies wird sich in Spar- und Anlagetrends niederschlagen.
• Und zu guter Letzt: Wir sollten zwar an das Potenzial der Innovation glauben, aber dem Hype nicht verfallen. Die Wirkung dieser neuen Innovationswelle wird tiefgreifend und umwälzend sein. Aber es wird einige Zeit dauern, bis es zu einem echten Umbruch kommt – und zwar länger, als der Hype vermuten lässt.

1. Das Mooresche Gesetz geht auf eine Beobachtung von Gordon Moore im Jahr 1965 zurück, wonach sich die Zahl der Transistoren von integrierten Schaltkreisen seit der Erfindung des
integrierten Schaltkreises jährlich verdoppelt hat. Gemäß der aktuellen Definition des Mooreschen Gesetzes verdoppelt sich die Datendichte etwa alle 18 Monate.

2. Die Duration ist ein Maß für die Kurssensibilität (Wert des Kapitalbetrags) einer festverzinslichen Anlage gegenüber einer Änderung der Zinssätze. Sie wird als eine Anzahl von Jahren
angegeben.
3. Einer Studie der Oxford University aus dem Jahr 2013 zufolge sind 47 % der bestehenden Arbeitsplätze in den USA durch die Automatisierung hochgradig gefährdet (Frey and Osborne,
„The Future of employment: How susceptible are jobs to computerization?“).

WELCHE RISIKEN BESTEHEN?
Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des potenziellen Verlusts des Anlagekapitals. Anleihenkurse entwickeln sich im Allgemeinen gegenläufig zu den Zinsen. Wenn sich also die Anleihenkurse in einem Investmentportfolio an steigende Zinsen anpassen, kann der Wert des Portfolios sinken. Investments in schnell wachsende Branchen, einschließlich Technologie
(die in der Vergangenheit eine hohe Volatilität aufwies), können zu größeren Kursschwankungen führen, insbesondere kurzfristig aufgrund kurzer Produktzyklen, fallender Preise und Gewinne sowie neuer Konkurrenten am Markt. Außerdem werden sie durch Entwicklungen und Veränderungen in der staatlichen Regulierung von Unternehmen beeinflusst, die den wissenschaftlichen oder technologischen Fortschritt fördern, sowie durch das allgemeine wirtschaftliche Umfeld. Die Kurse von Wachstumsaktien beruhen auf Prognosen für künftige Gewinne oder Umsätze und können daher erheblich sinken, wenn das betreffende Unternehmen diese Prognosen nicht erfüllt.