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Warum wir die EZB-Nominierung Lagardes positiv einschätzen

Christine Lagarde mag als Kandidatin für die Spitzenposition in der Europäischen Zentralbank (EZB) zwar überrascht haben, David Zahn, Head of European Fixed Income, sieht darin jedoch eine positive Wahl. Hier erklärt er, warum sich sowohl ihre Erfahrung als auch ihr Mangel an Erfahrung als positiv erweisen könnten, wenn sie den Posten tatsächlich bekommt. Zudem ist er davon überzeugt, dass die EZB konsequent an ihrem Lockerungskurs festhalten dürfte – ganz gleich, wer an ihrer Spitze steht.

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Die Nominierung von Christine Lagarde als nächste Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) hat für Überraschung gesorgt. Wir glauben jedoch, dass sich diese Amtsbesetzung, sofern sie denn ratifiziert wird, an den Märkten als beliebt erweisen dürfte.

Lagarde, eine ehemalige französische Finanzministerin und derzeit Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds, kann ein gutes Profil vorweisen und versteht vor allem die Politik innerhalb der Europäischen Union (EU) sehr gut. Sie hat eine hohe Kommunikationskompetenz, und als erfahrene Politikerin kann sie auf eine robuste Erfolgsbilanz zurückblicken, wenn es darum geht, ungleiche Parteien an einen Tisch zu bekommen.

Hinsichtlich der Geldpolitik gehen wir davon aus, dass Lagarde den Kurs des derzeitigen EZB-Präsidenten Mario Draghi halten dürfte.

Ähnlich wie der Vorsitzende der US-Notenbank ist Lagarde keine Volkswirtin. Sollte sie also im Amt bestätigt werden, so hätten die Leiter von zwei der größten Zentralbanken der Welt kaum geldpolitische Erfahrung.

Uns bereitet das keine allzu großen Sorgen. Genaugenommen könnte Lagarde ohne die voreingenommenen Ansichten eines Volkswirts sogar kreative neue „Lockerungsideen“ mitbringen.

EZB dürfte weiterhin auf Lockerungskurs bleiben

Unsere Analyse legt nahe, dass die EZB konsequent an ihrem Lockerungskurs festhalten dürfte – ganz gleich, wer an ihrer Spitze steht. Bei seiner jüngsten Rede im portugiesischen Sintra ließ Draghi nur wenige Wochen nach der geldpolitischen Junisitzung der Bank eine subtile aber wichtige Kurskorrektur erkennen.

Im Nachgang der Anfang Juni abgehaltenen Sitzung des EZB-Rates hatte die Zentralbank noch erklärt, sie werde im Fall einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Daten reagieren. In Sintra erklärte Draghi dann, die Bank werde reagieren, sofern es keine Verbesserung der Daten gäbe.

Im Grunde genommen geben die politischen Entscheidungsträger damit zu, dass der 5-jährige, 5-jährige Forward-Inflationsindex (5yr-5yr) – ein Maß für die Inflationserwartungen des Marktes über einen fünf Jahre in der Zukunft beginnenden Zeitraum von fünf Jahren – schneller gesunken ist als den Mitgliedern des EZB-Rates lieb wäre.

Seit der Rede hat sich der Index ein wenig erholt, notiert jedoch immer noch auf einem niedrigeren Stand als im März 2015, als die EZB ihre Maßnahmen zur quantitativen Lockerung (QE) eingeleitet hatte.

Unserer Einschätzung nach bedeutet dies, dass die Bank reagieren muss. Die EZB ist eine Zentralbank, die vornehmlich die Inflation ins Visier nimmt. Die Inflationsprognosen der Bank für das Jahr 2021 liegen bei lediglich 1,6 % und damit deutlich unter ihrem Ziel von 2 %. Sie wird ihre Geldpolitik also weiter lockern müssen.

Aus unserer Sicht gibt es mehrere Ansätze, die die EZB in Erwägung ziehen könnte:

Weitere Zinssenkungen: Wir würden nur eine geringfügige Senkung erwarten, so dass diese kaum etwas bewirken würde. Sie würde jedoch deutlich zeigen, dass es der Zentralbank ernst ist.

Einführung eines Tiering-Systems: Wenn die EZB ihre Zinsen senkt, würden wir davon ausgehen, dass sie zur Unterstützung des Bankensystems auch ein Tiering (d.h. eine Staffelung) einführt, wodurch die Gebühren, die Banken auf einen Teil ihrer überschüssigen liquiden Mittel zahlen, effektiv gesenkt werden. Die Einführung einer Tiering-Struktur würde dem Markt jedoch signalisieren, dass die Zinsen noch über einen längeren Zeitraum hinweg niedrig bleiben dürften. Hätte sie die Absicht, die Zinsen nur kurzfristig zu senken (mit der Erwartung, dass sie nach sechs Monaten oder einem Jahr wieder angehoben werden), würde sie sich die Einführung einer solchen Tiering-Struktur ersparen.

Neuerliche Umsetzung von QE-Maßnahmen: Wir gehen davon aus, dass die Bank ihr Wertpapierkaufprogramm entweder in diesem oder im kommenden Jahr wieder aufnehmen wird. Der Schwerpunkt dürfte hierbei unserer Einschätzung nach auf dem Kauf von sowohl Unternehmens- als auch Staatsanleihen liegen.

Und wenn Lagarde als neue EZB-Präsidentin bestätigt wird, könnte sie natürlich auch einige kreativere Maßnahmen zur geldpolitischen Lockerung mit an den Tisch bringen.

Die Jagd nach Rendite verschärft sich

Unser Fazit: ganz gleich, wer bei der EZB die Zügel in die Hand nimmt – die Zinsen dürften in Europa noch über eine lange Zeit hinweg niedrig bleiben. Dadurch verschärft sich die Jagd nach Renditen, wodurch die Zinsstrukturkurve nach außen verschoben wird. Wir gehen davon aus, dass sich die Zinsstrukturkurven in ganz Europa deutlich abflachen dürften.

Dies sollte zudem den Anleihen der Peripherieländer erhebliche Unterstützung bieten, da die Renditen auf ein Niveau gesenkt werden können, bei dem sie zu äußerst attraktiven Kursen begeben werden können.

Derzeit zählen italienische Staatsanleihen zu den renditestärksten Anlagen am europäischen Staatsanleihenmarkt.

Eine stärker auf Lockerung ausgerichtete Geldpolitik in Europa sollte auch für hochverzinsliche und Investment-Grade-Unternehmensanleihen der Region günstig sein. Darüber hinaus wäre eine solche Entwicklung unserer Einschätzung nach für das globale Wachstum förderlich, da die EZB hiermit zusätzliche Liquidität schaffen würde.

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Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des potenziellen Verlusts des Anlagekapitals. Der Wert von Anlagen kann fallen oder steigen, und Anleger erhalten möglicherweise nicht den vollen Anlagebetrag zurück. Anleihenkurse entwickeln sich im Allgemeinen in die den Zinsen entgegengesetzte Richtung. Wenn sich also die Anleihenkurse in einem Investmentportfolio an steigende Zinsen anpassen, kann der Wert des Portfolios sinken. Anlagen in ausländischen Wertpapieren sind mit besonderen Risiken behaftet, darunter Währungsschwankungen sowie ungewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen.

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