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Perspektiven

Die vorgeschlagene Taxonomie für nachhaltige Finanzen aus der Sicht eines Anlegers

Können Stakeholder (Aufsichtsbehörden, politische Entscheidungsträger und Marktteilnehmer) einen nachhaltigen Finanzrahmen entwickeln, der Endkunden gute Dienste leistet? Die technische Expertengruppe der Europäischen Union hat kürzlich ihre abschließenden Empfehlungen zur Taxonomie für ein nachhaltiges Finanzwesen veröffentlicht. Hierbei wurden gemeinsame Kriterien zur Klassifizierung ökologisch nachhaltiger Tätigkeiten, welche den Übergang hin zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft unterstützen, festgelegt. Nachdem sie das Thema gerade bei der Responsible Investor Europe Conference in London diskutiert hat, bietet Julie Moret, Head of ESG, hier ein direktes Feedback hinsichtlich der Nutzbarkeit und der Konsequenzen für Anleger.

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Die Notwendigkeit der Entwicklung eines tragfähigen Rahmens für nachhaltige Anlagen hat für Regierungen, Aufsichtsbehörden und Anleger nach wie vor eine hohe Priorität.

Angesichts des breiten Spektrums an Mitwirkenden, die jeweils unterschiedliche Prioritäten und Ausrichtungen haben, stellt die Erarbeitung von Gemeinsamkeiten jedoch eine echte Herausforderung dar.

Es scheint sich endlich ein Konsens herauszubilden, dass sich der Schwerpunkt des Beitrags der Anlagebranche zur Agenda für nachhaltige Finanzen weg von ethik- und wertbasierten Ausschlüssen und Negativ-Screenings und hin zu einem ganzheitlichen Verständnis von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG) verlagern sollte.

Insbesondere im Hinblick auf eine Bekämpfung des Klimawandels beobachten wir eine Schwerpunktverlagerung hin zu Anlagechancen und zur Rolle der Anleger bei der Finanzierung eines Übergangs hin zu einer kohlenstoffärmeren Umwelt.

Es bestehen jedoch nach wie vor Sorgen bezüglich der effektiven Anwendung eines standardisierten Klassifizierungssystems. Diese Bedenken könnten das Tempo, in dem Unternehmen und Anleger eine solche Taxonomie übernehmen, bremsen. Gleiches gilt für Fortschritte bei Maßnahmen, die darauf abzielen, die Integration von ESG-Faktoren in den Mainstream zu bringen.

Wer treibt die Agenda voran?

Ein Großteil der Impulse zur Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsagenda stammt von Regierungen.

Fast 200 Länder haben sich auf „national festgelegte Beiträge“ (Nationally Determined Contributions, NDCs) verpflichtet. Diese verkörpern ihre Anstrengungen zur Verringerung der landesweiten Emissionen und zur Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels.

In Europa können wir beobachten, was geschieht, wenn Nachhaltigkeitsaspekte infolge dieser Verpflichtungen dauerhaft in die Kapitalmärkte eingebunden werden, um so die Finanzierung des Umschwungs hin zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft zu unterstützen.

Taxonomie und Definitionsnormen

Die Europäische Union (EU) arbeitet gerade daran, ihren Aktionsplan für nachhaltige Finanzen fertigzustellen. Dieser zielt darauf ab, den Finanzsektor in den Kampf gegen den Klimawandel einzubeziehen. Der Plan verfolgt drei Ziele:

  • Umleitung von Kapitalströmen hin zu nachhaltigen Anlagen.
  • Weitläufige Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in das Risikomanagement.
  • Förderung von Transparenz und langfristigem Denken.

Der erste Schritt besteht darin, eine sogenannte „EU-Taxonomie für Nachhaltigkeit“ zu entwickeln. Mit anderen Worten: einheitliche und praktisch umsetzbare Definitionen und Klassifikationen für eine Beurteilung, ob eine wirtschaftliche Tätigkeit als ökologisch nachhaltig erachtet wird.

Die technische Expertengruppe (TEG) der EU hat erst kürzlich ihre abschließenden Empfehlungen bezüglich der Taxonomie veröffentlicht. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die Entwicklung eines solchen Klassifizierungssystems eine komplexe Aufgabe darstellt und begrüßen die Arbeit der TEG.

Bei der Durchsicht der Vorschläge und der Prüfung unseres Feedbacks haben wir sechs Bereiche identifiziert, die unserer Einschätzung nach bestimmen werden, wie praktisch und umsetzbar die Taxonomie aus Sicht der Anleger sein wird.

  1. Offenlegungen. Anlegern könnte es schlichtweg an Zugang zu geeigneten Daten mangeln, um zu beurteilen, ob die Tätigkeiten eines Unternehmens Nachhaltigkeitskriterien entsprechen. Bei Franklin Templeton unterstützen wir nachdrücklich die Anstrengungen zur Festlegung von Standards für die Offenlegung von Informationen, die für die Entscheidungsfindung nützlich und dabei wesentlich, messbar, vergleichbar und zukunftsorientiert sind. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass aktive Anlageverwalter eine Rolle dabei spielen müssen, wenn es darum geht, einen Dialog mit Emittenten zu führen und die Lücken in den veröffentlichten Angaben zu schließen. Daher unterstützen wir nachdrücklich die Anstrengungen des Sustainability Accounting Standards Board (SASB). Wir sind davon überzeugt, dass diese Maßnahmen zur Verbesserung der von Unternehmen veröffentlichten Angaben zu Nachhaltigkeitskennzahlen beitragen, und genau hiervon wird es abhängen, ob die Taxonomie weitläufig übernommen wird.
  2. Enge Definition der Taxonomie. In der Umsetzung der Taxonomie wird ein gestaffelter Ansatz verfolgt, bei dem im ersten Schritt ausschließlich eine ökologische Sichtweise für die Definition nachhaltiger Aktivitäten herangezogen wird. Wir fürchten jedoch, dass dies unbeabsichtigte Folgen haben könnte, indem hierdurch der Fokus auf Maßnahmen zur Integration ökologischer Aspekte verengt wird, während Sozial- und Governance-Aspekte außen vor bleiben. Unserer Erfahrung nach erkennen Anleger bei der Beurteilung des Werts eines Emittenten, dass ESG-Kriterien oft miteinander verknüpft sind. Der ursprüngliche Entwurf der Taxonomie teilt ökologisch nachhaltige Aktivitäten in zwei Kategorien ein: solche, die bereits einen geringen CO2-Ausstoß aufweisen (d.h. emissionsfreier Transport), und solche, die einen geringen CO2-Ausstoß ermöglichen (z.B. Hersteller von Windturbinen). Unseres Erachtens zollen diese Kategorisierungen denjenigen Unternehmen, die Fortschritte bei einer Veränderung ihrer operativen Geschäftsprozesse vorweisen können und ihre Ziele auf dem Weg hin zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft erreichen, nicht genügend Anerkennung. Wir würden eine Aufnahme von Übergangsaktivitäten in die Taxonomie befürworten.
  3. Größere Klarheit bei der Definition negativer Konsequenzen. Die Taxonomie gibt Leitlinien für die Identifizierung ökologisch nachhaltiger Aktivitäten vor. Wir sind jedoch der Ansicht, dass Anleger von mehr Klarheit bezüglich der Kriterien, Kennzahlen und Schwellenwerte profitieren würden. Insbesondere geben die Leitlinien vor, dass Aktivitäten die Kriterien des Aktionsplans zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel erfüllen müssen, dabei jedoch die übrigen Ziele des Plans „nicht wesentlich beeinträchtigen“ dürfen. Bei diesen Zielen handelt es sich um: nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen; Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling; Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung; und Schutz gesunder Ökosysteme. Es gibt jedoch noch keine ausführlichen Kriterien für die einzelnen Ziele, so dass es schwierig ist, zu beurteilen, wann es zu einer „wesentlichen Beeinträchtigung“ kommt – insbesondere über den vollständigen Lebenszyklus und die Lieferkette eines Produkts hinweg.
  4. Schwellenwerte und Konsequenzen für internationale Portfolios. Wir sind uns zwar der Tatsache bewusst, dass die TEG Empfehlungen für den Aktionsplan der EU ausspricht, sind jedoch der Ansicht, dass hierbei der globale Charakter der entsprechenden Umweltziele berücksichtigt werden sollte. So hat die TEG beispielsweise eine Reihe von Kennzahlen empfohlen, die bei der Beurteilung, ob eine Aktivität die Kriterien bezüglich des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel erfüllt, berücksichtigt werden sollten. Dabei verwendet sie jedoch Grenzwerte, die innerhalb eines europäischen Kontexts festgelegt wurden. Wenn internationale Portfolios die Taxonomie in der Praxis umsetzen sollen, würden wir der TEG raten, die Taxonomie-Leitlinien auf größere geografische Räume auszudehnen. Wir sind davon überzeugt, dass dies auch die weltweite Übernahme der Taxonomie erheblich beeinflussen könnte.
  5. Einigung auf benutzerfreundliche Sektorklassifizierungen. Die TEG hat für die Klassifizierung der Branchensektoren die Statistische Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft (NACE) übernommen. Dieses System wird zwar von europäischen Agenturen und nationalen Regierungen verwendet und anerkannt, unserer Erfahrung nach sind damit jedoch nur die wenigsten Anleger vertraut. Aus unserer Sicht wäre es wichtig, die NACE-Klassifizierungen in Systeme zu überführen, die von Anlegern weitläufiger verstanden werden, wie beispielsweise der Global Industry Classification Standard (GICS), das Sustainable Industry Classification System (SICS) und die Industry Classification Benchmark (ICB).
  6. Dynamisch und flexibel. In Anbetracht der rapiden technologischen Fortschritte in einem sich schnell entwickelnden Feld wie der Anpassung an den Klimawandel ist es wichtig, dass die Taxonomie sowohl praktisch als auch pragmatisch ist. Unserer Ansicht nach muss der Rahmen so flexibel sein, dass sich die Taxonomie zeitnah anpassen kann, um technologische und wissenschaftliche Innovationen zu berücksichtigen, die seine Parameter verändern könnten.

Ein Schritt in die richtige Richtung, aber mit Anlaufschwierigkeiten muss gerechnet werden

Wir sehen den EU-Aktionsplan für Nachhaltigkeit als eine entscheidende Entwicklung, die Nachhaltigkeitsaspekte dauerhaft in die geschäftlichen Abläufe von Finanzinstituten und Unternehmen einbinden wird.

Da dies potenziell Auswirkungen auf die Aktivitäten sämtlicher Bestandteile der Investment-Wertschöpfungskette hat, unter anderem auch auf Banken, Versicherungsunternehmen und Anlageverwalter, halten wir es für äußerst wichtig, dass alle Beteiligten die Entwicklungen genau im Auge behalten.

Allgemein sehen wir den Schritt hin zum Aktionsplan als positive Entwicklung. Er wird für sowohl Unternehmen als auch Anleger erhebliche Folgen hinsichtlich der Erfassung, Offenlegung und Beurteilung von Informationen nach sich ziehen und dürfte eine Aufrüstung von Reporting-Systemen erfordern. So wie bei jeder politischen Initiative, die in eine Verordnung überführt wird, muss sich die Branche auf eine Übergangsphase einstellen, in der es aller Wahrscheinlichkeit nach zu Anlaufproblemen kommen dürfte.

Auch wenn es im Zuge der Ausarbeitung und Umsetzung des Aktionsplans anfänglich zu Problemen kommt – wir sind fest davon überzeugt, dass wir als Branche dies nicht als Vorwand nutzen dürfen, uns nicht voll und ganz zu engagieren.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

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Welche Risiken bestehen?

Alle Anlagen sind mit Risiken behaftet, einschließlich des möglichen Verlusts der Anlagesumme. Der Wert von Anlagen kann fallen oder steigen, und Anleger erhalten möglicherweise nicht den vollen Anlagebetrag zurück. Aktienkurse schwanken mitunter rasch und heftig. Das kann an Faktoren liegen, die einzelne Unternehmen, Branchen oder Sektoren betreffen, oder an den allgemeinen Marktbedingungen. Anlagen in ausländischen Wertpapieren sind mit besonderen Risiken behaftet, darunter Währungsschwankungen sowie ungewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen.

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