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Gut informiert: Die Wahlen in Großbritannien 2015

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Am Donnerstag, dem 7. Mai 2015, wählten britische Wähler überraschend eine konservative Regierung mit einer Mehrheit von zwölf Sitzen im britischen Unterhaus wieder. Heute schildert uns Colin Morton in „Gut informiert“ seine Gedanken zum Wahlausgang und die Herausforderungen, die sich dem britischen Premierminister David Cameron stellen.

Colin Morton

Colin Morton ist Vice President und Portfoliomanager des Franklin UK Equity Teams.

Das war ein unerwarteter Wahlausgang. Was war ihr erster Gedanke? Der Ausblick scheint meiner Meinung nach recht optimistisch – es gibt ein eindeutiges Ergebnis und eine vorgeblich unternehmensfreundliche Partei hat das Regierungsmandat erhalten – Premierminister David Cameron führt jedoch eine Regierung mit einer stark reduzierten Mehrheit im Vergleich zur vorherigen Koalition. Er muss den Weg der Sparpolitik weiter fortsetzen, denn das stand so in seinem Wahlprogramm. Er hat aber auch Probleme in Schottland, wo die gegen die Sparpolitik gerichtete Scottish National Party (SNP), bis auf drei, alle Sitze gewinnen konnte. Außerdem ist da noch der versprochene Volksentscheid zum Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union (EU), mit dem er sich auseinander setzen muss, möglicherweise in zwei Jahren. Nachdem die anfängliche Euphorie über den Wahlausgang – der allem Anschein nach besser als erwartet war – sich erst gelegt hat, gibt es immer noch eine Menge Probleme, auf die man sich während der nächsten sechs bis achtzehn Monate konzentrieren muss.

Wie ist angesichts des Wahlausgangs Ihr Ausblick für Large- und Mid-Cap-Aktien in Großbritannien? Die offensichtlichen, großen Gewinner der Wahlen sind unserer Meinung nach wahrscheinlich die Sektoren, die über das Potenzial verfügen, von den Veränderungen in der politischen Färbung der Regierung zu profitieren, wie Bauunternehmen im Eigenheimbereich, Immobilienunternehmen, Versorger, Tabakunternehmen und Unternehmen, die kommerzielle Unterstützungsleistungen anbieten. Viele Large-Cap-Titel sind von der politischen Ausrichtung der Regierung nicht wirklich betroffen, wie beispielsweise Ölunternehmen, die Pharmaindustrie und der Bergbau. Es macht für sie keinen großen Unterschied, ob die Regierung von den Konservativen oder der mitte-links angesiedelten Labour Partei, die in der Opposition war, gestellt wird. Man könnte, was den kurzfristigen Ausblick betrifft, sogar sagen, die wahrscheinliche Stärke des Pfunds als Folge des Wahlausgangs könnte sich auf die Auslandsumsätze einiger größerer Unternehmen negativer auswirken, als wenn es zu einem ungewisseren Wahlausgang gekommen wäre. Dennoch erwarten wir, dass das Ergebnis in einigen Sektoren des Large-Cap-Bereichs willkommen sein wird: Tabaktitel, wo die Labour Party von einer Sondersteuer sprach, Versorger, die möglicherweise von dem Versprechen der Labour Partei die Energiepreise für Verbraucher einzufrieren, betroffen gewesen wären, und der Banksektor. Labour sprach davon viel höhere Abgaben von Banken zu verlangen, um ihre anderen Pläne finanzieren zu können. Wir erwarten jedoch stärkere Auswirkungen auf Mid-Cap-Werte, denn sie tendieren dazu, sich mehr auf den Binnenmarkt zu konzentrieren. Eigenheimbauer und Immobilienmakler sind hier zu nennen, nachdem die Gefahr der sogenannten „Mansion Tax“, einer Steuer auf Immobilien mit höherem Wert, die von der Labour Partei geplant war, gebannt zu sein scheint. Wir denken auch, es könnte zu einem stärkeren Interesse an Unterstützungsleistungen kommen, insbesondere an Unternehmen, die Outsourcing-Leistungen für Regierungsbehörden erbringen. Die hätten unter einer Labour-Regierung Kostensenkungen hinnehmen müssen.

Es gibt aber nicht nur positive Nachrichten. Was bereitet Ihnen Sorge? Aus Marktperspektive erscheint eine konservative Regierung, die mit einer Mehrheit regiert, besser als viele andere Optionen, die sich ergeben hätten können. Es gibt aber auch Komplikationen. Man könnte argumentieren, dass es jetzt für David Cameron schwieriger ist zu regieren als in der Vergangenheit, als er noch die Unterstützung eines rivalisierenden Koalitionspartners hatte. Es würde nicht vieler konservativer Hinterbänkler bedürfen, um sich gegen die Wünsche der politischen Führung aufzulehnen. Das stellt die Regierung vor echte Probleme. Wir fragen uns auch, ob die Euphorie nach der Wahl vielleicht nur von kurzer Dauer sein könnte. Unserer Meinung nach ist es für die meisten Unternehmen im britischen Markt möglicherweise egal, wer die Wahl gewonnen hat. Es lässt sich also darüber streiten, ob einige der Kursgewinne, die wir nach den Wahlen beobachten konnten, auch wirklich gerechtfertigt sind. Es lässt sich also möglicherweise erwarten, dass die Euphorie sich während der nächsten Wochen ein wenig legt.

Wie sind Ihre Portfolios für dieses neue politische Klima aufgestellt? Wir haben im Vorfeld der Wahlen keine großen Veränderungen an unseren Portfolios vorgenommen. Wo wir das taten, gingen wir davon aus, dass der Wert ungeachtet des Wahlausgangs überzeugte. Wir ziehen es vor, in Unternehmen zu investieren, von denen wir denken, sie sehen fundamental gut aus und sind stark genug, um ungeachtet der politischen Umstände Wert zu generieren.

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung, die sich der neuen konservativen Regierung stellt? Unserer Meinung nach ist der Aufstieg der SNP vielleicht der interessanteste Aspekt dieser Wahl. David Cameron wurde gewählt, um das gesamte Vereinigte Königreich zu regieren, und er hatte eine weitere Sparpolitik versprochen. Angesichts der Tatsache, dass die SNP, mit Ausnahme von drei Sitzen, alle Sitze in Schottland gewonnen hat und eine massive, gegen die Sparpolitik gerichtete Politik verfolgt, wird das wohl für Komplikationen sorgen. Angesichts des Wahlausgangs scheint es für die Konservativen aller Wahrscheinlichkeit nach äußerst schwierig zu werden, die Sparpolitik in Schottland durchzusetzen. Das führt zu erheblichen verfassungsrechtlichen Problemen. Es sieht immer mehr danach aus, dass Schottland mehr Autonomie in der Fiskalpolitik gewährt werden könnte. Aber lässt man es zu, dass ein hohes Defizit erwirtschaftet wird, um Sparpolitik zu vermeiden? Und geht das, dass man in England, Wales und Nordirland eine Sparpolitik verfolgt und in Schottland nicht? Die Konservativen haben versprochen, die Sparpolitik weiter fortzuführen und zu versuchen, in den nächsten vier oder fünf Jahren einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Wir denken aber, es wird ihnen potenziell echte Kopfschmerzen bereiten, wie sie mit der SNP umgehen sollen.

Die Konservativen hatten das Wahlversprechen gegeben, eine Volksabstimmung über den Verbleib Großbritanniens in der EU durchzuführen. Die wird aller Wahrscheinlichkeit nach 2017 stattfinden. Wie wird sich das Ihrer Meinung nach auf die Aktienmärkte in Großbritannien auswirken? Angesichts der Tatsache, dass die Führungen aller Parteien sich für einen Verbleib in der EU einsetzen, würde es uns derzeit überraschen, wenn die Volksabstimmung auf das Gegenteil hinauslaufen würde. Ein möglicher Ausstieg Großbritanniens aus der EU wäre etwas, das dem Markt meiner Meinung nach Sorge bereiten würde, aber es sorgt wahrscheinlich nicht unmittelbar für Unbehagen. Wie ich die Märkte kenne, kann man wohl davon ausgehen, dass sie sich erst Mitte des nächsten Jahres mit einem möglichen britischen Exit oder „Brexit“ beschäftigen werden. Es sorgt bei Privatanlegern und Unternehmen, die in Großbritannien investieren, wahrscheinlich wieder einmal für Ungewissheit. Meiner Meinung nach sind viele Unternehmen in Großbritannien, weil das Land Teil der EU ist. Es ist eine gute Basis, ein angelsächsisches Land, in dem es leicht ist, Mitarbeiter zu beschäftigen. Ich denke nicht, dass diese britischen Unternehmen über einen Brexit erfreut wären. Es ist aber schwierig, sich jetzt schon Gedanken darüber zu machen, denn es gibt so viele andere, kurzfristigere Aspekte, auf die man eingehen muss, bevor das zu einem Problem wird.

Und abschließend – welchen Rat würden Sie David Cameron für seine Rückkehr in die Downing Street 10 geben? Ich bin der Meinung, die letzte Regierung hat während der letzten vier oder fünf Jahre unter sehr schwierigen Bedingungen recht gute Arbeit geleistet. Ich weiß, die politische Führung hat nicht alles richtig gemacht, ich würde aber sagen „macht weiter nach Plan“. Ich denke, die Märkte erwarten eine Verknüpfung vernünftiger Strategien, um zu versuchen sicherzustellen, dass die Wirtschaft wächst. Dazu gehören Steuersenkungen und gleichzeitig Hilfen für den Eigenheimmarkt sowie wohl überlegte Kostensenkungen, um zu versuchen, den Haushalt wieder auszugleichen. Es ist wichtig, dass Cameron zu einer gewissen funktionierenden Beziehung mit der SNP findet. Meiner Meinung nach, wird das wahrscheinlich niemals eine hervorragende Beziehung sein, ich denke aber, das Land wird wahrscheinlich nicht in eine äußerst verfahrene Situation zwischen den Regierungen in London und Schottland geraten.

 

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