Beyond Bulls & Bears

Gibt es noch Wert bei britischen Aktien?

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Auch zwei Monate nach den Parlamentswahlen in Großbritannien hat sich die Euphorie im Aktienmarkt, mit der der überraschende Sieg der mitte-rechts anzusiedelnden konservativen Partei begrüßt wurde, noch nicht gelegt. Das veranlasst viele Vermögensverwalter dazu sich zu fragen, ob man bei in Großbritannien notierten Aktien überhaupt noch Wert finden kann. Paul Spencer, Vice President und Portfoliomanager im Franklin UK Equity Team bestätigt, dass einige Sektoren, darunter der Eigenheimbau, sich nun dem annähern, was er für ihren Marktwert hält. Er glaubt aber dennoch, dass sich jenen, die bereit sind einem unkonventionellen Ansatz zu folgen, in anderen Marktsektoren günstige Gelegenheiten bieten.

Paul Spencer
Paul Spencer

Paul Spencer
Vice President, Portfolio Manager
Franklin UK Equity Team 

In den Wochen nach den Parlamentswahlen in Großbritannien haben wir uns unsere Portfolios erneut angeschaut und die Gelegenheit genutzt, um uns ein wenig umzuorganisieren. Dabei wandten wir uns dem zu, was wir für eher gegenläufige Bereiche des Markts halten, anstatt primär auf britische Aktien zu schauen.

Wir behaupten nicht, dass die Spitzen bei den Aktienkursen nach den Wahlen ganz ungerechtfertigt waren. Die äußerst starken Zugewinne schienen jedoch eine von dem konservativen Wahlsieg ausgelöste Reflexreaktion gewesen zu sein. Ob einige der kurzfristigen, pauschalen Bewegungen in vollem Umfang gerechtfertigt waren, wird sich aber erst noch zeigen müssen.

Wie mein Kollege Colin Morton an dem Tag, an dem das Wahlergebnis bestätigt wurde, anmerkte, verzeichneten einige Sektoren bzw. einzelne Titel euphorische Ausschläge, die unserer Meinung nach aber nicht die Ertragsaussichten oder langfristigen Wert wiederzugeben schienen. Unserer Meinung nach waren es andere Sektoren im Markt, bei denen die Kursanstiege gerechtfertigt waren. Inzwischen scheint es aber, als ob einige von ihnen sich nun ihrem Marktwert annähern.

Der Sektor Eigenheimbau verzeichnete beispielsweise als Folge des Wahlausgangs Zugewinne, die sich möglicherweise zum Teil auf den Wegfall der Gefahr einer sogenannten „Mansion Tax“, einer Luxus-Steuer für gehobene Wohnobjekte, die von der Labour Partei geplant war, zurückführen lassen.

Ungeachtet des Auslösers der Rally im Sektor haben wir unsere Ansichten über die Dynamiken und die Fundamentallage im Eigenheimbaubereich in Großbritannien nicht geändert. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass dies ein guter Sektor für ein Engagement ist. Wir haben jetzt aber den Eindruck, dass die Bewertungen der Aktien von Unternehmen im Bereich Eigenheimbau inzwischen mehr dem entsprechen, was wir für ihren Marktwert halten.

Vor fünf Jahren waren wir der Ansicht, Unternehmen im Bereich Eigenheimbau wurden generell mit signifikanten Abschlägen gegenüber ihrem Buchwert gehandelt. Jetzt denken wir, sie werden – als Sektor – mit Aufschlägen auf den Buchwert gehandelt.

Andererseits denken wir aber auch, es besteht Potenzial in anderen Sektoren Aktien zu finden, die einen besseren langfristigen Wert bieten. Es gibt unserer Meinung nach einige zyklische Probleme, von denen wir denken, sie belasten die Rentabilität in bestimmten Bereichen.

Öl- und gasbezogene Dienstleister sind beispielsweise ein Segment, das uns interessiert. Energie ist ein Bereich, in dem wir eine recht gegenläufige, aber langfristige Position eingenommen haben und nach Aktien suchen, von denen wir denken, sie werden zu Kursen gehandelt, die niedriger liegen als das, was wir für den eigentlichen Wert halten. Wir erwarten nicht, dass diese Märkte in den nächsten drei bis sechs Monaten deutlich steigen werden. Wir denken aber, der zyklische Abschwung in diesem Bereich des Markts wird zu einem normalisierteren Aktivitätsniveau führen.

Wir haben uns auch Bereiche angeschaut, die potenziell weniger stark von einem robusten, weltweiten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts abhängig sind.

Fusionen & Übernahmen

Ein Phänomen, von dem wir denken, es wird in diesem Jahr zunehmenden Einfluss auf die Aktienmärkte gewinnen, ist die Aktivität im Bereich Fusionen und Übernahmen (M&A), die sich im letzten Jahr oder so auf einem deutlich niedrigeren Niveau bewegte, insbesondere in Großbritannien.

Es überrascht uns, dass es in Großbritannien angesichts eines Wirtschaftsklimas, in dem die Aufnahme von Krediten durch Unternehmen und Finanzierungen relativ frei verfügbar und vergleichsweise billig sind, nicht zu mehr Übernahmeaktivität gekommen ist.

Falls es einen Grund dafür geben sollte, hat das unserer Meinung nach möglicherweise mit der Tatsache zu tun, dass Management-Teams immer noch unter den Folgen der letzten Finanzkrise leiden, eine Phase, während der einige von ihnen die schwierigste Zeit ihrer Karriere im Finanzwesen durchlebten. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwierig die Wirtschaftsbedingungen als Folge des Lehman-Kollapses 2008 für Manager waren, und dass sie das nicht noch einmal erleben möchten.

Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass die Dinge sich ändern. Unserer Meinung nach kommt der Markt in eine Phase, in der die Lebensgeister erwachen, und das bedeutet im Normalfall eine Erholung der M&A Aktivität.

Außerdem konnten wir bei einigen Unternehmen Veränderungen beobachten: Diejenigen, die in den Jahren 2006 bis 2010, dem Höhepunkt der Finanzkrise, das Steuer in der Hand hielten, werden nicht zwangsläufig auch noch die nächsten zehn Jahre die Führung haben. Es gibt einige neue Top-Manager, die, als die mit der Finanzkrise verbundenen Probleme entstanden, noch nicht die Führung hatten. Aus rein psychologischer Sicht könnten sie daher eher bereit sein Transaktionen durchzuführen.

In den letzten Monaten ist es weltweit zu einer ziemlich starken Beschleunigung bei der M&A Aktivität gekommen (insbesondere in den USA) und wir konnten in der ersten Hälfte des Jahres 2015 auch in Großbritannien eine Erholung beobachten.

In vielen Fällen sind die Bilanzen gesund. Wenn eine Geschäftsführung also bemerkt, dass das Wachstum sich etwas verlangsamt, wäre die natürliche Reaktion eines Managers möglicherweise sich etwas Wachstum zu kaufen anstatt abzuwarten, bis das organische Geschäft sich wieder erholt.

Außerdem sollte man auch daran denken, dass Risikokapitalanleger über reichlich Kapital verfügen. Unseren Schätzungen zufolge haben europäische und nordamerikanische Übernahmeunternehmen gemeinsam etwa 1 Bio. US-Dollar an Kapitalmitteln, die für Investitionen zur Verfügung stehen. Wir würden erwarten, dass diese Firmen möglicherweise noch einmal zusätzlich mit einem Faktor von 2,5 finanzieren, um Übernahmen zu tätigen, so dass diese Übernahmefonds potenziell Transaktionen im Wert von 2,5 Bio. US-Dollar durchführen könnten.

Unternehmen sind gut finanziert und Risikokapitalanleger verfügen über massive Barmittel. Dieser Hintergrund deutet unserer Meinung nach also auf eine signifikante Erholung der Aktivität im Bereich M&A hin. Diese hat noch nicht wirklich ihren Weg zurück nach Großbritannien gefunden, wir glauben aber, die Bedingungen sind solcher Art, dass dies schon bald der Fall sein könnte.

 

Wichtige Hinweise:

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