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Eurozone versucht Kluft nach der Griechenlandkrise zu überwinden

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Ein Kapitel in der Geschichte von Griechenlands Verschuldung endete am Mittwoch (15. Juli) als das griechische Parlament einem neuen Rettungspaket, das Anfang der Woche von Premierminister Alexis Tsipras und der Europäischen Union ausgehandelt wurde, zustimmte. Es ist jedoch längst nicht das letzte Kapitel. Es wird lange dauern, bis man sich von dem bitteren Kamp erholt, der Europa an diesen Punkt gebracht hat. David Zahn, Head of European Fixed Income, Franklin Templeton Fixed Income Group, glaubt, die Eurozone könnte enger zusammenwachsen doch er sagt, es haben sich Risse aufgetan, die erst gekittet werden müssen.

David Zahn
David Zahn

David Zahn, CFA, FRM
Head of European Fixed Income
Senior Vice President
Franklin Templeton Fixed Income Group

Uns scheint das neue Rettungspaket, das von der griechischen Regierung und den Geldgebern am Montag (13. Juli) vereinbart und dem nun vom griechischen Parlament zugestimmt wurde, ein Nachteil für die griechische Bevölkerung zu sein, da es zu weitreichenderen Sparmaßen führen dürfte als den von Griechenlands Wähler bereits in einem Referendum am Monatsanfang abgelehnten.

Da sich sowohl die wirtschaftliche Situation in Griechenland als auch die politischen Beziehungen zwischen der griechischen Regierung und den Geldgebern seit dem Referendum verschlechtert haben, finde ich das nicht überraschend. Die griechischen Behörden haben aber offenbar entschieden, dass der Verbleib in der Eurozone Priorität hat.

Ich würde mich nicht der Meinung mancher Kommentatoren anschließen, ein möglicher Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone („Grexit”) sei nun vom Tisch, denn es sind noch nicht alle Hürden bis zum Erfolg des Rettungspakets genommen. Nach der Zustimmung des griechischen Parlaments ist der Ausstieg aber viel unwahrscheinlicher.

Die Zustimmung des griechischen Parlaments ist jedoch kaum mehr als eine Verständigung und unserer Ansicht nach sind noch viele Fragen offen, die vor Erreichen einer endgültigen Lösung zu Problemen oder Streitigkeiten führen könnten.

Das Ausarbeiten der Details der Vereinbarung dürfte mehrere Monate dauern. Dazu gehören das Sicherstellen weiterer Unterstützung durch das Parlament, nicht nur in Griechenland, sondern in mehreren Euroländern, die Umsetzung weiterer Reformen und das Sicherstellen der Zwischenfinanzierung. Bis September ist wahrscheinlich ein realistischer Zeitrahmen.

Betrachtet vom Standpunkt eines Anlegers im weiteren Umfeld der Eurozone dürfe die Region ein viel ruhigeres Gewässer für Anlagen sein, sobald Zustimmungen erteilt, Anpassungen vorgenommen und Änderungen des Rechtssystems umgesetzt sind, die das neueste Rettungspaket erfordert.

Meines Erachtens dürfte sich der Euro mit diesen Vereinbarungen abschwächen, da Anleger ihr Hauptaugenmerk wahrscheinlich auf die Auswirkungen der quantitativen Lockerung durch die Europäische Zentralbank (EZB) legen werden. Wir erwarten auch eine straffere Geldpolitik in der sogenannten europäischen Peripherie, wenn die Markterwartungen einer abnehmenden Bedrohung durch übergreifende, negative Einflüsse ihre Auswirkung zeigen.

Ich glaube allerdings, im Vorfeld dieses Rettungspakets entstanden einige Risse in der Eurozone, die langfristig eine wichtige Rolle spielen dürften. Zum ersten Mal in der kurzen Geschichte der Eurozone waren sich die größten Volkswirtschaften im Raum – Deutschland und Frankreich – im Umgang mit einer Krise in der Region nicht einig.

Deutschland an der Spitze der radikaleren Fraktion forderte mehr Zugeständnisse von den griechischen Behörden, wohingegen sich Frankreich wie auch Italien mit dem Argument, die Integrität der Eurozone sei vorrangig, anpassungswilliger zeigten.

Vielsagend ist meines Erachtens, dass Deutschland und seine Anhänger die Botschaft aussendeten, ein Fehlschlagen der Verhandlungen würden zum Grexit führen, obwohl Griechenland der Ausschluss nie auf offiziellem Wege explizit angedroht wurde.

Somit rückte zum ersten Mal tatsächlich der Ausschluss eines Landes aus der Eurozone in Sicht und erschütterte das Konzept, dass ein einmal in die Währungsunion eingetretenes Land, an diese gebunden ist und nicht wieder austreten kann.

Es stellt sich die Frage, ob damit ein Präzedenzfall geschaffen wird, was meiner Meinung nach noch eine ziemlich große Rolle spielen dürfte, denn kommt es in Zukunft erneut zu einer Krisen, könnte ein Austritt oder Ausschluss aus der Eurozone wieder in Erwägung gezogen werden.

Die griechische Schuldenkrise und die schmerzhaften Verhandlungen zeigen deutlich, wie viel noch für eine vollständige Integration der Eurozone und für die Festigung brüchiger Beziehungen getan werden muss.

Zeiten der Belastung können die Risse in jeder Beziehung freilegen. Die Länder der Eurozone näher zusammenzubringen wird in den kommenden Jahren das primäre Ziel der politischen Führung der Region sein. Sollte es also zu einer neuen Krise in der Region kommen, wiederholt sich hoffentlich nicht dieses langwierige, schmerzhafte Szenario.

Ich denke langfristig könnte eine mögliche Folge der Lösung von Griechenlands Krise positiv auf die Eurozone wirken, nämlich wenn die einzelnen Länder erkennen, wie wichtig eine stärkere Integration des Euro und mehr Homogenität anstatt einer losen Gruppe von Ländern in einer Währungsunion sind. Ich glaube wir bewegen uns in diese Richtung.

Die andere Möglichkeit – meines Erachtens nachteilig für die Eurozone – besteht in einer Vertiefung der Kluft und einem vorerst anhaltenden Kampf der beiden Seiten. Die Eurozone voranzubringen ist schon in guten Zeiten schwer genug. Feindschaften zwischen den Hauptakteuren würden es noch schwieriger machen.

Natürlich könnte eine homogenere Eurozone auch erhebliche Auswirkungen auf einen anderen möglichen Ausstieg in aller Munde haben: auf den „Brexit” oder den möglichen Rückzug des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU).

Ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs soll bis 2017 abgehalten werden, wobei der britische Premierminister David Cameron versprach, noch zuvor bestimmte, bei den meisten Wählern unbeliebte EU-Vorschriften neu zu verhandeln.

Sollte die Eurozone, ein großer Bestandteil der EU, homogener werden – ähnlich einem einzigen Finanzsystem – dürfte der Einfluss von Ländern außerhalb wie z. B. dem Vereinigten Königreich abnehmen.

Angesichts des Ergebnisses und der Art der Vereinbarung, die Tsipras getroffen hat, sehe ich kein Bestehen der von Syriza geführten Regierung in Griechenland in ihrer derzeitigen Form. Paradoxerweise muss Tsipras zur Durchsetzung vieler Reformen wahrscheinlich auf die Unterstützung der Opposition vertrauen, denn viele Mitglieder der Partei Syriza wollen keine weiteren Sparmaßnahmen, die die Reformen mit sich bringen dürften.

Tsipras wird seine Regierung umbilden müssen, aber ich sehe keine allgemeine Forderung nach Wahlen, bis die Banken wieder öffnen. Anscheinen will man diese Entscheidung ihm überlassen. Langfristig stellt sich die Frage, wie die Neubildung der Regierung aussehen wird. Kommt es zu einer breiten Koalition? Oder wird eine technokratische Regierung die neuen Maßnahmen umsetzen?

Was ich als Nebenergebnis der Krise sehe, ist eine abnehmende Unterstützung extremistischer politischer Parteien in Europa.

Die Partei Syriza erlangte mit ihrer linken Agenda, die den griechischen Wählern das Blaue vom Himmel herab versprach, große Macht in Griechenland. Letztendlich konnten sie ihre Versprechen aber nicht halten. Der letzten Einschätzung zufolge sind die Griechen nun wahrscheinlich schlechter dran, als wenn Syriza gleich zu Beginn ihrer Macht eine Einigung erzielt hätte.

Deshalb dürfte die Beliebtheit einiger eher extremistischer Parteien in Europa meinen Erwartungen zufolge schwinden, denn die Wähler erkennen, wie unwahrscheinlich, besonders in der EU, ein Durchkommen mit einer Finanzpolitik zu weit abseits von den breiten Konventionen ist Das gilt vor allem in Spanien, wo die Linkspartei Podemos in den letzten Wahlen beliebt war.

Vielleicht befinden wir uns also am Ende des jüngsten Kapitels in der Geschichte um Griechenland, aber das letzte Kapitel ist es längst nicht. Probleme werden in Griechenland bis zur Durchsetzung der notwendigen Reformen bestehen, die das Land auf einen nachhaltigen haushaltspolitischen Weg bringen. Vielleicht üben die Erfahrungen Griechenlands und besonders das schlussendliche Akzeptieren der Notwenigkeit einer Reform Druck auf die schwächeren Länder der Eurozone aus, weitere Fortschritte zu erzielen.

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