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Indien tritt aus dem Schatten Chinas

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Im Jahr 2015 ist das Bruttoinlandsprodukt von Indien schneller gewachsen als das von China, und auch für dieses Jahr wird nach den meisten Prognosen ein robustes Wachstum erwartet. Eine günstige demografische Entwicklung, die Bodenfindung beim Zyklus der Unternehmensgewinne und mehrere inländische Wachstumstreiber dürften Indien dabei helfen, weiter stark zu wachsen. Dies jedenfalls erwartet Sukumar Rajah, Managing Director und Chief Investment Officer von Franklin Local Asset Management, Asian Equity.

Sukumar Rajah
Sukumar Rajah

Sukumar Rajah
Managing Director and Chief Investment Officer
Franklin Local Asset Management, Asian Equity

China und Indien sind heute zwei der Volkswirtschaften mit der größten Bedeutung für das weltweite Wachstum, sodass die beiden Schwellenländer-Schwergewichte gerne miteinander verglichen werden. Zuletzt haben sowohl Indien als auch China beim Wirtschaftswachstum den Rest der BRIC-Staaten – die Abkürzung steht für Brasilien, Russland, Indien und China – hinter sich gelassen. Jedoch gibt es zwischen den Volkswirtschaften Indiens und Chinas erhebliche Unterschiede.

Das Wirtschaftswachstum in China ist bereits in einem reiferen Stadium, und das Land steht vor größeren Herausforderungen bezüglich Demografie und Kapitalproduktivität. Derzeit hat China mit einer Neuausrichtung seiner Wirtschaft zu tun, bei der es darum geht, Überkapazitäten in der Industrie abzubauen sowie die Verschuldung von Wirtschaft und Unternehmen abzubauen. Die wirtschaftliche Entwicklung Indiens dagegen ist deutlich weniger weit fortgeschritten, sodass das Land von einem „Aufholeffekt“ beim Wirtschaftswachstum profitieren dürfte. Aufgrund dieser Unterschiede sehen wir die Wachstumsaussichten für Indien positiver als die für China.

Bei Entwicklungskennzahlen wie Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf und Urbanisierung liegt Indien deutlich hinter China. Für uns bedeutet dies, dass seine Volkswirtschaft von einer Politik, die auf „niedrig hängende Früchte“ abzielt, profitieren dürfte. Darüber hinaus könnte Indien von strukturellen Wachstumstreibern profitieren: In den nächsten 10 Jahren soll die Zahl der Personen in Indien im Alter von 15 bis 64 Jahren um mehr als 110 Millionen steigen1, während der sinkende Abhängigkeitsquotient2 ein weiterer Indikator für den Anstieg der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter ist. Je geringer das Verhältnis, desto mehr Arbeitskräfte hat eine Volkswirtschaft, was allgemein günstig für das Wirtschaftswachstum ist, wenn am Arbeitsmarkt genügend Nachfrage besteht. Für die wachsende indische Mittelschicht wird unterdessen prognostiziert, dass sie bis 2020 bereits 1.741,7 Mrd. US-Dollar zur Wirtschaft beitragen wird, was eine stärker konsumorientierte Wirtschaft bedeutet.3

Hinzu kommen bei Indien weiterer Wachstumsspielraum über höhere Arbeitsproduktivität, bessere Bildung und mehr Urbanisierung. Die Kombination aus wachsender Mittelschicht und der zunehmenden Kommerzialisierung des ländlichen Sektors (und letztlich der Infrastruktur) könnten das Feld für eine verstärkte Urbanisierung in den nächsten Jahren bereiten. In den großen Metropolregionen hat sich die Zunahme der Stellen verlangsamt, doch ihre Randgebiete sind um fast 12% gewachsen4. Allerdings ist zumindest die Weltbank der Ansicht, dass mehr getan werden könnte, um das ungenutzte Potenzial von Städten in Südasien zu erschließen, deren Bevölkerung in den nächsten 15 Jahren um fast 250 Millionen Menschen zunehmen soll.5

Das inländisch orientierte Modell von Indien ist in unseren Augen bereits seit langem von Vorteil, denn es bedeutet, dass die zunehmende Kommerzialisierung des ländlichen Sektors und der Infrastrukturentwicklung die Wirtschaft vorantreiben kann. Im Zentrum der Wirtschaftspolitik der Regierung steht die ländliche Wirtschaft, die auch einen der wichtigsten Schwerpunkte im indischen Staatshaushalt für 2016–17 bildet. Auch Anleger werden weiterhin genau auf sie achten. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass die ländliche Wirtschaft durch nicht-wirtschaftliche Faktoren wie unzulängliche Monsun-Regenfälle beeinträchtigt werden kann.

Zu den oben genannten Faktoren kommt die Tatsache, dass die Verschuldung der Haushalte in Indien gering ist. Außerdem sehen wir dort eine sinkende Wahrscheinlichkeit für Inflation, sodass die günstige demografische Entwicklung weiterhin ein starkes Wachstum ermöglichen kann, ohne dass die Gefahr einer Überhitzung besteht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für 2016 wie 2017 ein BIP-Wachstum von 7,5% in Indien; für China liegt die Prognose bei 6,3% bzw. 6%.6

INTL Projections

Indische Aktien: Zyklische Erholung steht an 

Kurzfristig könnte die indische Wirtschaft von globalen Faktoren wie der Verlangsamung in China und der Volatilität an den Märkten belastet werden. Die Aktienmärkte rund um die Welt haben Anfang 2016 eine schwierige Phase mit fallenden Kursen durchgemacht, und auch Indien konnte sich dem weltweiten Ausverkauf nicht entziehen. Wir sind jedoch der Meinung, dass das Land durch seine inländisch geprägten Wachstumstreiber gut positioniert ist, um die kommenden globalen Herausforderungen zu meistern. Als langfristig orientierte Anleger glauben wir, dass diese Wachstumstreiber dafür sorgen werden, dass sich der Aktienmarkt in Indien besser entwickelt als in anderen Schwellenländern.

In Bezug auf den Konjunkturzyklus hat Indien den schwierigsten Teil einer längeren Abschwächung unserer Meinung nach hinter sich. Wir rechnen mit einer zyklischen Erholung und mit einem Anziehen des Investitionszyklus, der von Infrastrukturinvestitionen und urbanem Konsum getrieben und von dem Niedrigzinsumfeld unterstützt wird, das durch die erfolgreiche Inflationsbekämpfung möglich wird. Dadurch ist mit höherem Wachstumspotenzial zu rechnen. Die Inflation lässt nach, und durch niedrigere Öl- und Rohstoffpreise verbessert sich die Leistungsbilanz; gleichzeitig verringern sinkende Zinsen die Kapitalkosten für Unternehmen. Insofern erwarten wir eine Erholung bei den Unternehmensgewinnen, gleichermaßen basierend auf Umsatzwachstum und höheren Margen. Aus den oben genannten Gründen rechnen wir mit einem nachhaltig höheren Wachstum der Unternehmensgewinne in Indien; bei China dagegen sind wir der Meinung, dass stärkere Veränderungen erforderlich sind, bis das Gewinnwachstum wieder anzieht.

Die Bewertungen am Markt liegen derzeit nahe ihrem langfristigen historischen Durchschnitt. Trotzdem sind sie unserer Ansicht nach vertretbar, wenn man Anpassungen in Bezug auf Konjunkturzyklus und Gewinnqualität vornimmt. Wir rechnen jedoch damit, dass die Kurse einiger überbewerteter Aktien korrigieren könnten. Vor diesem Hintergrund möchten wir noch einmal die Bedeutung einer Bottom-up-Titelauswahl auf der Grundlage von Wachstum, Rentabilität und Nachhaltigkeit betonen.

INTL valuations

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1. Quelle: United Nations Population Division und Weltbank, wirtschaftliche Schlüsselindikatoren für den Abhängigkeitsquotienten, Stand: 2013

2. Der Abhängigkeitsquotient steht für das Verhältnis von Menschen im nicht arbeitsfähigen Alter zu solchen im arbeitsfähigen Alter

3. Quelle: Brookings Institution – Development, Aid, and Governance Indicators (DAGI), Factset and Ministry of Statistics & Programme Implementation – Indien, März 2015.

4. Quelle: „Leveraging Urbanization in South Asia: Managing Spatial Transformation for Prosperity and Livability“, Weltbank, 2016

5. Quelle: Weltbank. „South Asia Not Taking Full Economic Advantage of Urbanization“, September 2015.

6. Quelle: Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook, Januar 2016.