Beyond Bulls & Bears

Brexit: Politiker im Rampenlicht

Dieses Posting steht Ihnen in den folgenden Sprachen zur Verfügung: Englisch Holländisch Französisch Italienisch Spanisch Polnisch

Diese Woche findet in Großbritannien das mit Spannung erwartete Referendum zum Brexit statt. Der Ausgang ist immer noch äußerst ungewiss. Aber laut David Zahn, Head of European Fixed Income der Franklin Templeton Fixed Income Group, dürften alle, die darauf hoffen, dass mit einer Entscheidung zugunsten eines Verbleibs oder eines Austritts aus der Europäischen Union (die voraussichtlich am 24. Juni bekanntgegeben werden wird) die Ungewissheit und Volatilität ein Ende finden wird, wohl enttäuscht werden. Hier erläutert er, weshalb er glaubt, dass die politischen Konsequenzen dieser Abstimmung die Anlagemärkte wahrscheinlich noch monate- oder sogar jahrelang beschäftigen werden, und zwar nicht nur in Großbritannien, sondern auch in ganz Europa.

David Zahn
David Zahn

David Zahn, CFA, FRM
Head of European Fixed Income
Senior Vice President, Portfolio Manager
Franklin Templeton Fixed Income Group

Nachdem der 23. Juni, der Termin für das Referendum in Großbritannien über einen Brexit, immer näher rückt, können wir eins mit Gewissheit behaupten: Die Auswirkungen der Abstimmung, unabhängig vom Ergebnis, werden noch lange Zeit spürbar sein, und zwar nicht nur in Großbritannien.

Insbesondere vertreten wir die Auffassung, dass die Politik in den nächsten Jahren an den britischen Finanzmärkten größere Bedeutung erlangen wird, da die regierende Conservative Party, deren Parlamentsabgeordnete (MPs) hinsichtlich der Brexit-Abstimmung tief gespalten sind, den Zusammenhalt wiederherstellen will.

Die amtierende Regierung, die von der Conservative Party gestellt wird, verfügt nur über eine geringe Mehrheit im Parlament. Wenn eine größere Zahl ihrer Abgeordneten sich abspalten würde, wäre es denkbar, dass die Regierung ihre Mehrheit verliert. Unter diesen Umständen wäre es äußerst fraglich, ob die Regierung weiter effektiv die Regierungsgewalt ausüben oder sogar weiter an der Macht bleiben könnte.

Es wird allgemein angenommen, dass Premierminister David Cameron, der sich an die Spitze der EU-Befürworter gesetzt hatte, im Fall einer Entscheidung zugunsten eines Austritts aus der Europäischen Union (EU) seinen Hut nehmen würde. Es stellt sich dann die Frage, wie sein Nachfolger die Regierungspartei wieder einen könnte. Wenn die Wähler sich zugunsten eines Verbleibs in der EU aussprechen, liegt es an Cameron, seine ehemaligen Mitstreiter wieder zusammenzuschweißen. In beiden Fällen dürfte es eine schwierige Aufgabe werden und wir glauben, dass die Unsicherheit die Märkte wahrscheinlich nervös machen wird.

Darüber hinaus gibt es Bedenken, dass die Frage nach der schottischen Unabhängigkeit wieder auf die Tagesordnung zurückkehren könnte, besonders wenn Schottland beschließt, in der EU zu verbleiben, aber Großbritannien als Nation sich für einen Austritt ausspricht. Daher sind wir der Meinung, dass eine Aufschlüsselung des Wahlergebnisses nach Region (England, Schottland, Wales und Nordirland) ein wichtiger Faktor bei der abschließenden Stimmenauszählung sein sollte.

Dieses unruhige Fahrwasser könnte erhebliche Auswirkungen auf die inländischen Investitionen in Großbritannien haben, einschließlich ausländischer Direktinvestitionen und Aktieninvestionen. Auch die Landeswährung könnte betroffen sein. Bei einer Ausweitung der politischen Unruhen könnte unserer Ansicht nach auch Europa davon erfasst werden.

Austrittssignale auch in anderen EU-Staaten

Da die Umfragen auf ein äußerst knappes Ergebnis hinweisen, gehen wir davon aus, dass die in den letzten Wochen vorherrschende Volatilität an den britischen Aktien- und Anleihenmärkten sowie bei der Landeswährung, dem Pfund Sterling, bis zum Wahltermin andauern wird. Aber wir hegen auch den Verdacht, dass es in Kontinentaleuropa ebenfalls zu weiterer Volatilität kommen könnte, da immer mehr europäische Politiker im Vorfeld der Abstimmung ihre Meinung dazu abgeben. Es gibt einige Hinweise darauf, dass auch in anderen Ländern verstärkt Forderungen nach einem Referendum laut werden könnten, sollte Großbritannien sich für einen Austritt aus der EU entscheiden. Mehrere Politiker, insbesondere jene abseits der politischen Mitte, die aber wachsenden Zuspruch erfahren, kritisieren die Probleme der EU, die ihrer Ansicht nach bestehen, mit zunehmender Schärfe.

Allgemein gesprochen gibt es unserer Auffassung zufolge Anzeichen für eine zunehmende Unzufriedenheit unter den Wählern mit den amtierenden Regierungen in Europa. Das europäische Wirtschaftswachstum fiel im Allgemeinen eher schwach aus und die Bürger suchen nach einem Sündenbock. Die Wähler zweifeln allmählich daran, ob die amtierenden Regierungen tatsächlich weiterhin im Amt bleiben sollten. Deswegen glauben wir, dass in Europa eine Reihe von Wahlen stattgefunden hat, bei denen sich der Status quo geändert hat.

Abgesehen von der Tatsache, dass manche Bürger ihre eigenen Regierungen verantwortlich machen, gibt es Anzeichen dafür, dass sie auch einer weit entfernten Institution dafür die Schuld geben, die sie nie getroffen haben und deren Tätigkeit ihnen unbekannt ist – mit anderen Worten, die EU.

Wir vermuten, dass es in vielen Ländern wahrscheinlich einen beachtlichen Anteil an Menschen gibt, die sich dafür aussprechen würden, die EU zu verlassen. Ihre Zahl dürfte nicht überwältigend hoch sein, aber es zeigt, dass ein gewisser Teil der Bürger mit dem europäischen Regierungssystem in seiner derzeitigen Form unzufrieden sind, insbesondere mit der Führungsweise.

Daher glauben wir, dass das Referendum in Großbritannien tatsächlich als eine Art Blitzableiter für Politiker und sonstige Beteiligte in Europa dient, um ihre Meinung kundzutun. Wir vermuten, dass dadurch weitere Marktvolatilität erzeugt werden könnte.

Darüber hinaus vertreten wir die Meinung, dass die Auswirkungen eines Brexits für das restliche Europa weitreichend wären – wesentlich weitreichender, als viele Menschen dies annehmen.

Internationale Finanzinstitutionen, einschließlich des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, sowie die Vorsitzende der US-Notenbank, Janet Yellen, rechnen damit, dass ein Brexit enorme Verwerfungen verursachen könnte, nicht nur an den zentralen europäischen Finanzmärkten, sondern an den Finanzmärkten insgesamt.

Wenn man dies im Hinterkopf behält, fällt uns auf, dass sich das Risiko eines Brexits bei europäischen Anleihen im Allgemeinen, insbesondere bei Staatsanleihen von Peripheriestaaten, unserer Ansicht nach noch nicht angemessen im Kurs niedergeschlagen hat. Obwohl das Risiko bei den Kursen britischer Unternehmens- und Staatsanleihen zu einem gewissen Grad eingepreist ist, scheint dies an den breiteren europäischen Märkten nicht der Fall zu sein. Dies ist etwas, worauf wir in einem Blogeintrag im März dieses Jahres eingegangen sind. Seitdem liegen EU-Gegner und EU-Befürworter in den Umfragen gleichauf und trotzdem spiegelt die Wahrnehmung eines Brexit-Risikos diese Entwicklung nicht wider.

Es scheint, dass viele Beobachter der Meinung sind, dass die Europäische Zentralbank (EZB) einschreiten könnte, um Marktstörungen auszugleichen. Es stimmt, dass das Anleihenkaufprogramm der EZB im Allgemeinen als Erfolg betrachtet wird (es wurde viel Geld hineingesteckt und in diesem Monat beginnt die EZB mit dem Kauf von Unternehmensanleihen), aber wir sind trotzdem darüber besorgt, dass die Anleihenkurse in Europa außerhalb Großbritanniens den vollen Risikoumfang eines Brexits nicht abbilden.

Wenn sich Großbritannien in der Abstimmung für einen Austritt aus der EU entscheidet oder wenn das Votum knapp ausfällt, dürfte dies voraussichtlich eine Vielzahl von Unbekannten entstehen lassen. Wir sind der Auffassung, dass sich die Anleihenspreads wahrscheinlich ausweiten werden.

Vergessen wir nicht, dass am 26. Juni, drei Tage nach dem britischen Referendum zum Brexit, in Spanien vorgezogene Neuwahlen stattfinden, da nach dem erstmaligen Wahlgang keine Regierungsbildung gelang. Daher gibt es nun zwei relativ wichtige politische Ereignisse innerhalb von drei Tagen, was darauf hinweist, dass das Interesse der Anleger in ganz Europa an den politischen Geschehnissen voraussichtlich weiter hoch bleiben wird.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

Um Analysen von Franklin Templeton als E-Mail zu erhalten, abonnieren Sie den Blog Beyond Bulls & Bears. Die neuesten Tipps und Infos für Anleger finden Sie auf Twitter @FTI_Germany.

CFA® und Chartered Financial Analyst® sind Marken des CFA Institute.