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Großbritannien beschließt den Austritt aus der EU

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Am Donnerstag, den 23. Juni 2016 trotzten die britischen Wähler den Erwartungen und schlugen die eindringlichen Warnungen vieler Politiker, Geschäftsleute und internationaler, nichtstaatlicher Wirtschaftsorganisationen in den Wind, indem sie sich für einen Austritt aus der EU entschieden. Hier macht David Zahn, Head of European Fixed Income, Franklin Templeton Fixed Income Group, sich erste Gedanken über die mögliche Reaktion der Märkte sowie über die Herausforderungen und möglichen Chancen, die sich seiner Meinung nach ergeben.

David Zahn
David Zahn

David Zahn, CFA, FRM
Head of European Fixed Income
Senior Vice President, Portfolio Manager
Franklin Templeton Fixed Income Group

Großbritannien hat sich dafür entschieden, die Europäische Union (EU) zu verlassen. Was sind Ihrer Meinung nach die unmittelbaren Folgen?

Ich glaube, dass sich nach der gestrigen Abstimmung die Volatilität an den Finanzmärkten deutlich erhöhen wird. Das Pfund Sterling wird vermutlich nachgeben und es ist unwahrscheinlich, dass sich die Zinssätze in Großbritannien in nächster Zeit ändern werden, da diese Entscheidung das Anlegervertrauen enorm untergraben dürfte.

Ungewissheit ist Gift für die Märkte und bei einer Abstimmung über einen Brexit gibt es eine große Zahl an ungewissen Faktoren: Es stellt sich nicht nur die Frage, wie sich diese Situation entwickeln wird, sondern sogar, wer sich damit auseinandersetzen muss.

Unserer Ansicht nach ist es wichtig, unter Anlagegesichtspunkten eine langfristige Sichtweise einzunehmen, selbst wenn dies angesichts der Volatilität, die gerade an den Märkten herrscht, schwierig ist. Wir werden genau darauf achten, was die Politiker tun, denn danach werden sich die Märkte wahrscheinlich richten.

Wir raten Anlegern, diese Gelegenheit zu ergreifen und ihre Portfolios langfristig auszurichten. Wir vertreten die Meinung, dass diese Turbulenzen in den nächsten Wochen und Monaten eine Reihe von Gelegenheiten schaffen werden, da ansonsten attraktive Anlagewerte eventuell von den Kurskapriolen mitgerissen werden.

Was sind die Konsequenzen für die internationalen Märkte?

Im Allgemeinen glaube ich, dass dieses Ergebnis die Risikoaversion steigert. Das heißt, ich gehe davon aus, dass Anlagewerte wie Aktien und Unternehmensanleihen, die Anleger als „riskant“ einschätzen, sich schwächer entwickeln werden. Daher wird es meiner Meinung nach eine Flucht in Qualität geben, also in Anlagen, die als weniger riskant wahrgenommen werden, insbesondere britische und deutsche Staatsanleihen.

Ich rechne damit, dass den schwächeren Volkswirtschaften in der Eurozone und in der breiter gefassten EU Konsequenzen drohen, wobei sich die Anleihenspreads bei Staaten der europäischen Peripherie voraussichtlich ausweiten werden. Außerdem glaube ich, dass der Euro abwerten wird, allerdings nicht so sehr wie das Pfund, da die Bürger die Zukunft des EU-Projekts in Frage stellen.

Was bedeutet die gestrige Entscheidung für die Zukunft der EU und der Eurozone?

Ich glaube, die Frage ist, wie die EU mit diesem Ergebnis umgeht. Wenn Großbritannien, die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, nicht mehr in der EU bleiben will, können wir dann damit rechnen, dass andere Mitgliedsstaaten ihre zukünftige Mitgliedschaft in Frage stellen? Es werden wahrscheinlich Zweifel aufkommen, ob die EU in ihrer derzeitigen Form fortbestehen kann. Nun, da es einen Präzedenzfall dafür gibt, dass Länder die EU verlassen können, richtet sich die Aufmerksamkeit auf all diejenigen Mitglieder, die in der Vergangenheit zunehmende Unzufriedenheit mit ihrer EU-Mitgliedschaft an den Tag legten. In wirtschaftlicher Hinsicht glaube ich, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre lockere Geldpolitik in der Eurozone fortsetzen wird. Falls die Volatilität überhandnimmt, könnte sie Anpassungen vornehmen (vielleicht sogar nur verbaler Art), aber auch Änderungen am Anleihen-Kaufprogramm wären unter Umständen denkbar.

Welche Anzeichen bzw. Indikatoren sollten Anleger hinsichtlich des Fortgangs der Situation in den nächsten Wochen und Monaten besonders beachten?

Das zentrale Element, auf das man meiner Ansicht nach achten sollte, ist die Entwicklung der politischen Landschaft in Großbritannien. Ich rechne damit, dass es einige Veränderungen geben wird, da die amtierende Conservative Party, deren Parlamentsabgeordnete in der Debatte um die EU-Mitgliedschaft gespalten waren, versuchen wird, die Einheit wiederherzustellen. Daneben ist die Reaktion der schottischen Regierung ein Grund zur Sorge für Großbritannien. Wenn Schottland für einen Verbleib in der EU stimmt und Großbritannien für einen Austritt votiert, könnte Schottland nach Meinung mancher Beobachter auf ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit drängen. Ich glaube, dass die Situation politisch stark aufgeladen sein wird, was Anleger stets nervös macht. Wenn es etwas gibt, das die Finanzmärkte nicht ausstehen können, dann ist es Unsicherheit.

Welche möglichen Konsequenzen der gestrigen Entscheidung wurden Ihrer Meinung nach von den Märkten und den Kommentatoren unterschätzt?

Ich glaube, den meisten Menschen ist gar nicht klar, wie komplex der Vorgang eines Austritts von Großbritannien aus der EU sein wird. Die Zahl der Verträge, die angepasst oder neu verfasst werden muss, ist gewaltig, und wurde meiner Ansicht nach enorm unterschätzt.

Großbritannien musste seit 1976 keine bilateralen Handelsverträge mehr aushandeln, daher muss man, wie ich meine, die Frage stellen, wie schnell dies vonstattengehen kann. Wir haben gesehen, wie lange es dauern kann. Und es geht nicht nur um den Handel, sondern auch um die Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und wichtige Bereiche wie das Fliegen von Flugzeugen: Die EU hat mehr als 60 verschiedene Vereinbarungen mit Ländern auf der ganzen Welt abgeschlossen, die es Flugzeugen aus der EU gestatten, andere Gebiete zu überfliegen und dort zu landen. Großbritannien hat keine Vereinbarungen dieser Art. Dies zeigt die Weitläufigkeit der Bereiche, die angegangen werden müssen.

Natürlich startet der Countdown bis zum Austritt Großbritanniens aus der EU erst dann, wenn die britische Regierung einen offiziellen Antrag stellt. Es spricht einiges dafür, dies nicht sofort zu tun. Es muss eine Menge an Infrastruktur geschaffen werden, damit dieser Vorgang in die Wege geleitet werden kann. Und nächstes Jahr folgen wichtige Wahlen in Deutschland und Frankreich. Da es sich dabei um die zwei Hauptpartner handelt, mit denen die Vertreter Großbritanniens über die Bedingungen für einen Brexit verhandeln müssen, stellt sich die Frage, wie groß deren Interesse an Verhandlungen sein wird, wenn zuhause Wahlen anstehen.

Wir wissen auch nicht, wie empfänglich die EU sein wird für Verhandlungen mit einem Großbritannien, das nicht der EU angehört. Ich schätze, dass die EU sich dabei als recht schwieriger Verhandlungspartner entpuppen könnte. Die EU will mit Sicherheit keinen Präzedenzfall dafür schaffen, dass ein Austritt aus der Union reibungslos verläuft – oder keine Konsequenzen hat.

Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

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Welche Risiken bestehen?

Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des potenziellen Verlusts des Anlagekapitals. Der Wert von Anlagen kann fallen oder steigen, und Anleger erhalten möglicherweise nicht den vollen Anlagebetrag zurück. Anleihenkurse entwickeln sich im Allgemeinen entgegen der Richtung der Zinsen. Wenn sich also die Anleihenkurse in einem Investmentportfolio an steigende Zinsen anpassen, kann der Wert des Portfolios sinken.