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Was treibt die Ressentiments der Wähler in den USA und Europa?

In vielen Ländern nimmt die Unterstützung für populistische Themen und Politiker zu – von dem Syriza-Aufstieg in Griechenland und das Brexit-Votum der Briten bis zur Nominierung von Donald Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikaner in den Vereinigten Staaten. Diese Enttäuschung über den Status quo ist jedoch nicht einfach vom Himmel gefallen. Cindy Sweeting, Director of Portfolio Management, Templeton Global Equity Group, vertritt die These, dass viele dieser Wähler berechtigte Gründe haben, sich abgehängt zu fühlen, insbesondere auch der Verlust von Arbeitsplätzen für die Mittelklasse an ausländische Arbeitnehmer. Angesichts der bevorstehenden Wahlen in den Vereinigten Staaten – und der Vorbereitungen in vielen Ländern der Welt auf eine Reihe von Parlamentswahlen im Jahr 2017 – beschreibt Sweeting das, was sie für die Ursachen der aktuellen Ressentiments hält, sowie auf die potenziellen Folgen, falls die Politik tatsächlich Barrieren für den freien Handel und Arbeitskräfteverkehr einrichtet.

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Seit etwa einem Jahr hat die Unsicherheit in der politischen Landschaft weltweit – besonders in der westlichen Welt – immer stärker zugenommen. Das britische Votum, die Europäische Union (EU) zu verlassen (der sogenannte „Brexit“), haben die schwelenden Ressentiments vieler Mainstream-Wähler deutlich werden lassen. Seit dem Eintritt der weltweiten Finanzkrise vor acht Jahren sind sie Opfer verschiedener Entwicklungen geworden.

Diese Veränderungen reichen von einem langsamen Wachstumstempo und dem Anstieg prekärer Jobs mit Niedriglöhnen über Arbeitslosigkeit und die Verlagerung von Arbeitsplätzen, finanzielle Einbußen zum Nachteil von Rentnern und Sparern bis hin zur Abgehobenheit der Finanzmärkte von den Sorgen der arbeitenden Bevölkerung in der Realwirtschaft. Stärkere Ressentiments gegen eine nicht frei gewählte EU-Technokratie in Brüssel, Sorgen über die Migrationskrise in Europa – und die Zuwanderung allgemein – sowie steigende Angst vor Terrorismus haben insgesamt zu einer Polarisierung der Wähler und Unzufriedenheit diesseits und jenseits des Atlantiks geführt. Finanzmärkte kommen mit politischer Unsicherheit sehr schlecht zurecht. Sie passt nicht in die normale Fundamentalanalyse oder Standard-Risikomodellierung. Daher reagieren die Märkte auf politische Instabilität meist mit einer höheren Risikoprämie.

Die Verschiebungen, die wir in Europa und den Vereinigten Staaten in Richtung einer Entwicklung beobachten und die wir als Nativismus und Protektionismus bezeichnen würden, sind eine der üblichen Bedrohungen, welche die „Protest-“ oder „Anti-Establishment-“ Bewegungen in der politischen Landschaft beider Regionen vereint. Vieles spricht dafür, dass die Globalisierung insgesamt den Lebensstandard verbessert hat, jedoch gibt es sowohl Verlierer als auch Gewinner. Zu diesen benachteiligten Gruppen gehören die arbeitende Bevölkerung und die Mittelklassen in den Industrieländern, die erfahren, wie ihre Jobs ins Ausland verlagert oder anderweitig durch mobile und billige Arbeitskräfte erledigt werden. Der Verlust wirtschaftlicher Sicherheit wird verstärkt durch das Gefühl, dass Selbstbestimmung und kulturelle Identität sich auflösen, je stärker sich die Kräfte des Internationalismus und der Globalisierung durchsetzen.

In den kommenden Monaten erhalten nicht nur die Wähler in den USA die Möglichkeit, ihren Frust an den Wahlurnen auszudrücken. Im nächsten Jahr sind Wähler in Ländern, die einen hohen Anteil der EU-Wirtschaft darstellen, zur Stimmabgabe aufgerufen, darunter Frankreich, Deutschland und die Niederlande. Kürzlich hat sich Ungarn gegen Brüssel gestellt und mit überwältigender Mehrheit das EU-Quotensystem für Zuwanderer in einer Abstimmung zu Beginn des vierten Quartals dieses Jahres abgelehnt. Anfang Dezember steht in Italien ein Verfassungsreferendum über eine Parlamentsreform an. Viele halten diese Abstimmung für richtungsweisend im Hinblick auf die Bindung des Landes an Europa. Eine Absage der Parlamentsreform durch die Wähler würde nicht nur die politische Unsicherheit, der sich Europa derzeit stellen muss, verstärken.

Und selbstverständlich werden die bevorstehenden Brexit-Verhandlungen von den Finanzmärkten genau beobachtet werden. Beispiele sind die zunehmenden Sorgen der Märkte über einen möglicherweise „harten Brexit“, wenn Britannien den vollen Zugang zum Binnenmarkt und zur Zollunion zusammen mit der EU aufgibt, und die größere Ungewissheit über die womöglich kontroversen Verhandlungen in der Zukunft, die das britische Pfund bereits auf Talfahrt geschickt haben. Der EU steht ein schwieriger Balanceakt bei ihren Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich bevor. Sie muss nämlich versuchen, andere Länder von einem Austritt abzuhalten und gleichzeitig ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen.

In den Vereinigten Staaten nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass Donald Trump die Wahl gewinnt, zwar ab, derweil Hillary Clinton ihren Vorsprung in den Umfragen weiter ausbaut, jedoch könnte die Möglichkeit, dass die Demokraten sowohl die Präsidentschaft als auch den Kongress deutlich gewinnen, die US-Wirtschaft aus unserer Sicht negativ beeinflussen, insbesondere die Sektoren Finanzen, Gesundheitswesen und Energie.

Die Haushaltspolitik rückt stärker in den Fokus

Positiver sehen wir in den letzten Monaten jedoch eine steigende Erwartung, dass Regierungen beginnen, sich stärker und zielgerichteter haushaltspolitischer Maßnahmen annehmen. Wir gehen davon aus, dass dieses Thema in mehreren bedeutenden Volkswirtschaften an Fahrt gewinnt, angesichts der nachlassenden Wirkung der unkonventionellen Geldpolitik. Das Vertrauen der Wirtschaft lässt auch nach einem deutlichen Rückgang der weltweiten Anleiherenditen in den letzten rund sieben Quartalen weiter nach und die Unternehmen halten sich bei Investitionen sehr zurück. Daher scheint es plausibel, neben geldpolitischen Maßnahmen auf fiskalische Lösungen zu suchen, um das Vertrauen in die Wirtschaft und das Wachstum zu fördern.

Wir sind zwar der Meinung, dass strukturelle Reformen stets langfristig der beste Ansatz für eine Förderung des Wirtschaftswachstums, jedoch steht das Thema erhöhter Haushaltsausgaben im Mittelpunkt der US-Präsidentschaftswahl. Beide Kandidaten versprechen die eine oder andere Form von Investitionsprogrammen, wobei sie natürlich unterschiedlicher Meinung darüber sind, wie diese Programme finanziert werden sollen. Auch in Europa scheint die Austerität zu schwinden. Hier beobachten wir eine Neigung zu höheren Haushaltsausgaben, besonders, wenn sie dazu beitragen, Arbeitslosigkeit zu senken und ungeduldige Wähler zu besänftigen.

Insgesamt haben wir den Eindruck, dass die aktuellen politischen Triebkräfte sowohl eine Bedrohung als auch eine Chance für das globale Wachstum darstellen. Auf der positiven Seite sehen wir, dass die steigende Wahrscheinlichkeit einer stimulierenden Haushaltspolitik dazu beitragen könnte, Investitionen der Unternehmen zu fördern und das nominale Wirtschaftswachstum zu beflügeln. Wenn jedoch die Kräfte steigenden eines Protektionismus höhere Barrieren für den globalen Warenaustausch, die Zuwanderung und den Handel errichten, dürften sie sich eindeutig negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Die Daten bekräftigen diese Beobachtungen. Im Vereinigten Königreich brachte die Zuwanderung aus der EU im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts zusätzliche Einnahmen von 20 Mrd. GBP für die öffentlichen Finanzen[1]; in den USA geht die Hälfte der Gesamtausfuhren in Länder, mit denen Freihandelsabkommen bestehen, obwohl diese Volkswirtschaften weniger als 10% des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmachen.[2] Wähler in demokratischen Regimen reagieren allerdings häufig eher auf Gefühle als auf die Realität, besonders wenn es um Patriotismus, Stolz und Identität geht. Nicht immer zählt nur das Ergebnis.

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[1] Quelle: University College of London, Studie des Centre for Research and Analysis of Migration, 4. November 2014.

[2] Quelle: US Census Bureau, Stand der Daten: 31. Dezember 2015.