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Anleihen

Geopolitische Spannungen im Kontext betrachtet

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Wenn Spitzenpolitiker reden, reagieren die Märkte. Und da soziale Medien immer weitläufiger genutzt werden, haben Politiker heute eine neue Möglichkeit, ihre Botschaft an die Massen zu vermitteln. John W. Beck, Senior Vice President und Director of Fixed Income in der Londoner Geschäftsstelle der Franklin Templeton Fixed Income Group, hat kürzlich einen Podcast aufgezeichnet, in dem er geopolitische Spannungen und den Einfluss sozialer Medien diskutiert.  Er befasst sich aus globaler Perspektive mit einigen den Herausforderungen, vor denen die Märkte im angespannten heutigen Umfeld stehen, sowie mit den sich möglicherweise ergebenden Anlagechancen.

Hören Sie sich den vollständigen „Talking Markets“ Podcast an, und erfahren Sie von John Beck, wie er die aktuellen geopolitische Spannungen im Kontext betrachtet.

Hier einige der Höhepunkte des Podcasts:

  • Bezüglich der Spannungen in Nordostasien, Nordkorea, Japan, den USA und China ist das schlimmste binäre Ergebnis so undenkbar, dass sich niemand wirklich darauf vorbereiten kann.
  • Bei politischen Schlagzeilen kommt es unweigerlich zu einer kurzfristigen Reaktion der Märkte. Ob dann auch langfristige Konsequenzen folgen, hängt meiner Einschätzung nach von sehr viel grundsätzlicheren Mustern ab.
  • Die Kombination aus politischer Unzufriedenheit, einer stärkeren Fokussierung auf fiskalpolitische Ausgaben und einer Verringerung der Anleihenkäufe durch Zentralbanken führt dazu, dass die Vorsicht allmählich zunimmt, insbesondere an den Märkten für risikofreie Anleihen.
  • Wir haben eine recht starke Weltwirtschaft. Volkswirte sprechen von der sogenannten Abflachung der Phillips-Kurve: einer Situation, in der die Arbeitslosigkeit niedrig ist, die Löhne der Arbeitnehmer jedoch nicht angestiegen sind. Dies bedeutet, dass es viele Menschen gibt, die das Gefühl haben, nicht angemessen an der Gesellschaft beteiligt zu sein. Die Leute finden vielleicht, dass wir heute etwas mehr Druck auf der fiskalischen Seite benötigen, erhöhte Staatsausgaben.
  • Zu einem gewissen Grad könnte Polen meiner Ansicht nach veranschaulichen, wie sich die europäische Zinsstrukturkurve gestalten könnte, wenn die Europäische Zentralbank nicht ganz so viele Anleihen kaufen und Notzinsen einführen würde. Bezüglich der allgemeinen Struktur der herkömmlichen Rentenmärkte lässt sich meiner Meinung nach nicht leugnen, dass wir uns auf einem relativ hohen Niveau befinden. Also gehen wir eher vorsichtig vor.

Es folgt das vollständige Transkript des Podcast.

Richard Banks: John, beginnen wir die Diskussion mit einem Bereich, der gerade Schlagzeilen macht: Nordkorea und die dortige Volatilität. Wie schätzen Sie die Situation als Anleger ein, und welche Reaktion der Märkte beobachten Sie?
John Beck: Die Spannungen in Nordostasien, Nordkorea, Japan, den USA und China, ich denke, man kann nicht wirklich planen, da das schlimmste binäre Ergebnis so undenkbar ist, dass sich niemand wirklich darauf vorbereiten kann.  Man sieht also eine reflexartige Reaktion: wenn eine ballistische Rakete über das Japanische Meer, über Hokkaido abgefeuert wird, setzt der japanische Yen zu einer Rally an. Wenn [der japanische Premierminister Shinzo] Abe sagt: „nun, wir werden eine Rakete, von der wir wissen, dass sie nicht bei uns herunterkommen wird, nicht abschießen, wenn wir bereits berechnet haben, dass sie über Japan hinwegfliegen wird“, ja, das steigert natürlich die geopolitischen Spannungen.

Richard Banks:  Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, mich mit einem Ihrer Kollegen auszutauschen, nämlich mit Carlos Hardenberg, Senior Vice President und Managing Director der Templeton Emerging Markets Group. Er hat uns eine Einschätzung der Situation aus Sicht unserer Ressourcen in der Region gegeben. Hören wir einmal hinein.

Carlos Hardenberg: Was wir von unseren Kollegen vor Ort hören, ist, dass sie nicht damit rechnen, dass diese Situation außer Kontrolle gerät… natürlich kann sich zu diesem Zeitpunkt niemand vollkommen sicher sein. Aber die Koreaner selbst gehen davon aus, dass viel Verhandlungsspielraum besteht und dass reichlich Spielraum vorhanden ist, um alle involvierten Parteien dazu zu bringen, sich auf eine Lösung zu einigen, bei der es sich auf jeden Fall nicht um einen militärischen Konflikt handelt. Würde man vom Worst-Case-Szenario ausgehen, einem Konflikt zwischen den beteiligten Ländern, hätte dies wohl Auswirkungen auf die ganze Welt.

Richard Banks: Die Einschätzung von Herrn Hardenberg scheint der Ihrigen sehr ähnlich zu sein. Und obwohl alle betroffen sind, versuchen Sie auch, Optimismus zu wahren.

John Beck: Ich glaube nicht, dass hier ein Krisenkatalysator vorhanden ist. Also, was haben wir bisher beobachtet? Ich meine, einmal mehr, ich denke, es ist interessant, sich beispielsweise die Entwicklung zehnjähriger US-Schatzanleihen im bisherigen Jahresverlauf anzusehen. Zum Höhepunkt der Spannungen mit Nordkorea lagen die Renditen auf zehnjährige US-Schatzanleihen in der Nähe der Marke von 2 %. Wenn man die Monatsschlusskurse zehnjähriger Schatzanleihen in diesem Jahr betrachtet, würde man sich – mit der Ausnahme von Ende August, als die geopolitischen Spannungen diesen Höchststand erreicht hatten – schwertun, irgendeine Entwicklung abzulesen, da sich die Titel weitgehend in einer festen Spanne bewegt haben. Ich denke also, man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass ein gewisses Maß an politischer Spannung besteht und dass dies der Grund sein könnte, warum der japanische Yen auf dem Niveau gehandelt, auf dem er sich befindet.

Würden wir ihn [den japanischen Yen] hingegen aus einer Zinsperspektive betrachten, sollte er wahrscheinlich etwas niedriger gehandelt werden. Man muss also ein paar von diesen Dingen in seinem Anlageprozess berücksichtigen. Allerdings sollte man sich meiner Meinung nach größtenteils auf die mittelfristigen Wachstumsfaktoren konzentrieren, weil man sich einfach nicht auf das Unmögliche und das Unbekannte vorbereiten kann.
Richard Banks: Wo wir gerade von Japan sprechen, da sind natürlich die von Abe einberufenen vorgezogenen Neuwahlen. Welchen Einfluss haben diese auf Ihre Einschätzung dieser Region?

John Beck: Ich glaube nicht, dass diese Wahlen aus fundamentaler Sicht sehr viel ändern werden. Ich denke, Premierminister [Shinzo] Abe wird diese Wahlen einberufen haben, um seine Amtszeit wenn möglich zu verlängern. Offensichtlich in dem Maße, in dem er mehr… wenn man die Art aggressiverer Ausdrucksweise in Bezug auf Japans Verfassung verwendet, die wiederum weithin als pazifistische Verfassung bekannt ist. Die Tatsache, dass nordkoreanische und nordostasiatische Spannungen vorliegen, macht dies auf dieser restriktiveren Seite zu einem guten Zeitpunkt für ihn, um zu sagen: „Seht, ich bin der Kandidat, den Ihr wiederwählen solltet, damit wir eine offenere Haltung bezüglich des Umgangs mit diesen geopolitischen Spannungen vertreten können.“

Richard Banks: Anleger werden auf allen Seiten von politischen Schlagzeilen aus aller Welt heimgesucht, ob es nun Wahlen oder Referenden oder gar Twitter-Zankereien zwischen Regierungschefs sind. Wir reagieren die Märkte tendenziell auf diese Arten von Meldungen und Entwicklungen?

John Beck: Eine erste Beobachtung zu den Twitter-Zankereien – ich glaube, wir werden jetzt mehr Zeichen für diese Twitter-Auseinandersetzungen haben. Möglicherweise könnten sie also eher zunehmen, anstatt abzunehmen. Ich denke, meine unmittelbare Antwort ist, dass es bei politischen Schlagzeilen unweigerlich zu einer kurzfristigen Reaktion der Märkte kommt. Ob dann auch langfristige Konsequenzen folgen, hängt meiner Einschätzung von sehr viel grundsätzlicheren Mustern ab. Und ich denke, was ich wirklich damit meine, in Europa haben wir, einmal mehr, in diesem Jahr drei Wahlen gehabt, deren Ergebnisse meiner Ansicht nach oberflächlich betrachtet größtenteils für eine Beibehaltung des Status quo sorgen. Dies waren die Sorgen, die wir zu Beginn des Jahres hatten, mit der niederländischen Wahl im Januar/Februar, dann hatten wir die französische Präsidentschaftswahl Mitte des Jahres, und die Wahl in Deutschland haben wir gerade hinter uns.

In allen drei Fällen hatten wir einen Anstieg von Populismus befürchtet und uns Sorgen gemacht, welche Auswirkungen dies haben könnte. Oberflächlich betrachtet haben wir Wahlsiege der Status-quo-Parteien beobachten können, was also tendenziell darauf hindeuten würde, dass alles normal weitergeht wie zuvor. Aber was dem zugrunde liegt, wenn man die Daten analysiert…. inzwischen haben wir Anfang Oktober, und die Niederländer haben erst kürzlich schließlich eine Koalitionsregierung gebildet. Und einmal mehr, das unmittelbarste Ergebnis, zum Beispiel die Bundestagswahl, ist, denke ich, dass Angela Merkel und die CDU [Christlich Demokratische Union] gewonnen haben, aber mit einer geschwächten Mehrheit.

Der ehemalige Koalitionspartner SPD [Sozialdemokratische Partei Deutschlands] hat beschlossen, in die Opposition zu gehen. Wir haben die Grünen, die eine beträchtliche Anzahl an Stimmen hinzu gewonnen haben, und die FDP [Freie Demokratische Partei], eine Partei, die es bei der letzten Wahl nicht einmal in den Bundestag geschafft hat. Sie war traditionell zwar Koalitionspartner, aber man hat die Grünen auf der linken Seite des politischen Spektrums, man hat die FDP auf der rechten Seite des politischen Spektrums, und es dürfte ziemlich kompliziert werden, daraus eine Koalition zu bilden. Aber ich denke, das spiegelt wirklich die Art von leichter Unzufriedenheit wider, die die Menschen gegenüber dem politischen Status quo empfinden. Und natürlich sehen wir davon im Moment eine Menge in Großbritannien, und davon gibt es auch eine Menge in den [Vereinigten] Staaten, wie wir letztes Jahr bei den Präsidentschaftswahlen gesehen haben. In Mexiko stehen Präsidentschaftswahlen bevor, wo es einen Anstieg des Populismus für den aktuellen bzw. ehemaligen Bürgermeister von Mexiko-Stadt und Unzufriedenheit mit dem amtierenden Präsident gibt. Wir haben politische Wahlen, eine vorgezogene Neuwahl in Japan. Es gibt derzeit also eine Menge politischer Grundnervosität.

Richard Banks: Sie sagen also, oberflächlich bleibt der Status quo bestehen, was tatsächlich unterhalb der Oberfläche geschieht, ist aber möglicherweise ein bisschen interessanter. Welche Lektionen kann man als Anleger hieraus ziehen?

John Beck: Nun, ich denke, als Rentenwertanleger tendieren wir dazu, uns auf makroökonomische Themen zu konzentrieren, und ich nehme an, die Art von Dingen, über die die Menschen womöglich reden, betrifft etwa das Ausbleiben von Inflation. Auf der einen Seite haben wir eine recht starke Weltwirtschaft. Volkswirte sprechen von einer Abflachung der Phillips-Kurve. Was sie damit meinen, ist, dass wir niedrige Arbeitslosenquoten haben, tatsächlich aber keinen Anstieg der Löhne beobachten können. Und natürlich bedeutet das, dass wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die das Gefühl haben, nicht angemessen an der Gesellschaft beteiligt zu sein. Auf Basis einer Extrapolation denken die Menschen meines Erachtens gleichermaßen, dass wir etwas mehr Druck auf der fiskalischen Seite dieser makroökonomischen Anpassung benötigen, eine Anhebung der Staatsausgaben. Dies sind also die Arten von Sorgen, die wir als Rentenwertanleger zweifellos im Hinterkopf haben müssen, denn wir erhalten zwar auch weiterhin erhebliche Unterstützung durch Zentralbanken, die nach wie vor Staatsanleihen kaufen, die Fed [US-Notenbank, Federal Reserve] hat jedoch angekündigt, dass sie jetzt beginnen wird, nicht nur die Verringerung ihrer quantitativen Lockerungsmaßnahmen zu beenden, diese sind bereits vor geraumer Zeit abgelaufen, sondern möglicherweise auch Anleihen wieder an den Markt zurück zu verkaufen.

Und wir haben, wie gesagt, die EZB [Europäische Zentralbank], die uns sagen dürfte, welche Pläne sie verfolgt, und nicht um Anleihen wieder an den Markt zu verkaufen, ich glaube nicht in dieser Phase, um ihre Zinspolitik zu ändern, aber, wie gesagt, um das Tempo ihrer Anleihenkäufe zu verringern. Ich denke also, die Kombination aus einer Art politischer Unzufriedenheit, einer stärkeren Fokussierung auf fiskalpolitische Ausgaben und einer Verringerung der Anleihenkäufe durch Zentralbanken führt dazu, dass die Vorsicht allmählich zunimmt, insbesondere an den Märkten für risikofreie Anleihen. Die US-Schatzanleihen, die [deutschen] Bundesanleihen, die japanischen Staatsanleihen, die [britischen] Gilts, die relativ bzw. aus Generationssicht niedrige Renditeniveaus aufweisen und wo sich dieses Ungleichgewicht zwischen verringerten Käufen verlagert, also verringerte Nachfrage und erhöhtes Angebot, dann verändert sich auf Basis eines grundlegenden volkswirtschaftlichen Modells der Preis, und der Preis wird sinken und die Rendite wird steigen.

Richard Banks: Die geopolitischen Entwicklungen, die wir beobachten, und die Ankündigungen, die beispielsweise die EZB [Europäische Zentralbank] und die US-Notenbank gemacht haben – wie schnell reagieren die Märkte darauf und wie nachhaltig sind diese Reaktionen?
John Beck: Manchmal sieht man eine sofortige Reaktion. Als die Fed also Käufe gemeldet hat, haben wir einen starken Rückgang bei Anleihen beobachtet. Und niemand kann behaupten, nicht zu wissen, dass die Fed kurz davor steht, den Umfang ihrer Bilanz zu verringern. Und ja, die Marktreaktion ist tatsächlich recht gedämpft ausgefallen, und ich weiß nicht, ob dies teilweise die neue wirtschaftliche Norm widerspiegelt, wissen Sie, die Abflachung der Phillips-Kurve, umwälzende Veränderungen, eine niedrigere Inflation, über die die Fed im vergangenen Jahr beim Jackson Hole Summit gesprochen hat, etwas namens „Our Star“, wodurch langfristige Gleichgewichtszinssätze sinken werden.  Es gibt also viele dieser langfristigen Faktoren, demografische Entwicklungen, eine alternde Bevölkerung, einen globaler Wettbewerb, die bedeuten, dass langfristige Zinsen womöglich nicht auf dasselbe Niveau ansteigen. Man kommt aber nicht umhin, das Gefühl zu bekommen, dass wir nun sechs, sieben Jahre und in manchen Fällen sogar zehn Jahre lang seit der globalen Finanzkrise Zinsen von fast null gehabt haben, und ich vermute, es gibt einfach viele Marktteilnehmer, die sich an diese Idee gewöhnt haben und die nicht wirklich verstanden haben, dass Fed-Gouverneure immer noch durchblicken lassen, dass dieses Jahr eine weitere Zinserhöhung anstehen wird, möglicherweise gefolgt von zwei oder drei weiteren im kommenden Jahr.

Und so gibt es meiner Meinung nach diese starke Zweiteilung zwischen dem, was die Fed-Gouverneure in Bezug auf ihr sogenanntes „Dot Plot“ zur künftigen Entwicklung der Zinssätze prognostizieren, und dem Markt gibt, der sagt: eigentlich wissen wir es besser, die Renditen auf Anleihen werden immer niedrig bleiben. Und das gilt nicht nur in den USA, sondern auch insbesondere in Europa und zweifellos in Großbritannien, und ich denke, es ist schwierig, in dieser Hinsicht Gewissheit zu erlangen. Tendenziell gehen wir aus meiner Sicht jedoch davon aus, dass Anleihen derzeit eher teuer sind und dass wir in den am weitesten entwickelten Märkten hinter den Durationspositionen der Benchmark zurückbleiben.

Richard Banks: Haben wir jemals zuvor eine Situation gehabt, in der der Markt einfach nicht an das glaubt, was die Zentralbanken sagen? Im Wesentlichen das, worauf Sie da anspielen?

John Beck: Ich bin mir sicher, dass es das gibt, aber mir fällt gerade kein passender historischer Vergleich ein. Ich meine, wenn ich so darüber nachdenke, braucht man wohl eine längere Phase der Unzufriedenheit in Bezug auf die jeweiligen Umstände, bevor es tatsächlich zu einer wirklich dramatischen Reaktion kommt. In Bezug auf Inflation und die Rentenmärkte, so brauchten wir in den 1970er Jahren sechs, sieben, acht, vielleicht sogar zehn Jahre hoher Inflation, bis Paul Volcker ernannt wurde, der schließlich sagte: „Genug ist genug“. Und dann wiederum gab es eine ähnliche Entwicklung in Europa, insbesondere natürlich in Großbritannien, wo es – ob von der amerikanischen Geldpolitik angetrieben oder nicht – eine deutliche Straffung der Geldpolitik gab, da die Leute von der Inflation einfach genug hatten. Ich glaube nicht, dass wir bereits an dem Punkt angekommen sind, an dem die Reallöhne so stark durch diese Irritation gedrückt wurden, dass Inflation immer vorangaloppiert, das Leben immer teurer wird, so dass wir von der Zentralbank eine radikale Änderung der Geldpolitik benötigen. Ich denke also, es gibt ein „Low for Longer“-Element, und wir dürften auch weiterhin unerwartet niedrige Anleiherenditen verzeichnen. Aber ich denke, wir nähern uns allmählich einer Art Wendeprozess, wo es diese breiteren Themen gibt; denjenigen, die tendenziell Vermögen halten, seien es pensionierte Angestellte oder Eigentümer von Immobilien oder anderen Sachwerten, ist es tendenziell besser ergangen als der Millenial-Generation, und ich denke, wir sehen das in einigen Elementen des politischen Protests.  Ich denke, das gilt auf universeller Ebene, d.h. einmal mehr, ob die Zentralbanken hierauf eingehen, indem sie allmählich ihre Politik ändern, dürfte meines Erachtens ein Teil der Lösung sein. Ich denke es wird jedoch genauso sehr ein Teil der Lösung sein, dass Politiker immer das Bedürfnis haben, sofort etwas zu tun. Und sofort etwas zu tun, bedeutet, mehr Geld auszugeben.

Nun, einiges hiervon wird unvermeidlich sein, die Notwendigkeit eines Neuaufbaus nach einem Hurrikan in Florida, oder möglicherweise auch in Puerto Rico, teilweise müssen wir mehr Wohnraum schaffen, da dieser für junge Menschen zu knapp ist. Aber es gibt diese Arten von Mustern, die meiner Einschätzung nach die Ausgabe staatlicher Schuldtitel belasten dürften, die meiner Meinung nach das Angebot erhöhen und somit früher oder später eine Korrektur der Preise nach sich ziehen werden.

Richard Banks: Das ist ein wirklich interessanter Punkt, diese Politik des Protests, auf die Sie hier und in der Vergangenheit bereits angespielt haben. Wie gut sind die Rentenmärkte auf insbesondere diese Faktoren vorbereitet, und welche Reaktionen der Märkte erwarten Sie?

John Beck: Ich glaube nicht, dass sie ausreichend vorbereitet sind. Ich meine, das ist nicht nur meine Meinung. Ich denke, dies ist eine Einschätzung, die von vielen der Fixed Income-Gruppen bei Franklin Templeton geteilt wird. Was wir während der letzten zehn Jahre oder so beobachtet haben, war eine erhebliche Verlängerung der Duration, d.h. der Zinsempfindlichkeit der Rentenmärkte. Und das in zweierlei Hinsicht: zum einen, weil die Kupons gesunken sind. Es gibt also einen mathematischen Effekt, dass die Zinsempfindlichkeit steigt, denn was bedeutet das?  Es bedeutet, dass die Zinsempfindlichkeit, Duration, bestimmt, wieviel Geld man im Voraus bekommt, und früher hat man mit einem 5 %-Kupon sehr viel mehr Geld im Voraus bekommen als bei einem Kupon von fast null Prozent. Diese relativen Zinsrisiken sind also zwangsläufig gestiegen. Teilweise ist das jedoch auch darauf zurückzuführen, dass Regierungen langfristige Schuldtitel ausgegeben haben. Das ist, wenn Sie so wollen, eine ausgezeichnete Nachricht für den Steuerzahler, möglicherweise jedoch nicht für den Anleger.  Die durchschnittliche Duration des Marktes für britische Gilts beträgt derzeit also zwölf Jahre. Österreich hat kürzlich eine hundertjährige Anleihe ausgegeben. Viele Menschen sind dahingehend ziemlich optimistisch. Sie sagen: „Wissen Sie, die Duration einer 100-jährigen Anleihe ist nicht wirklich deutlich höher als die Duration einer 50-jährigen Anleihe.“ Was beides stimmt. Die Frage ist wirklich: haben wir verstanden, wie hoch die Duration einer 50-jährigen Anleihe ist? Denn sie ist sehr viel länger.

Zum einen haben wir vor 20 Jahren noch keine 50-jährigen Anleihen ausgegeben. Damals galten 30-jährige Anleihen als ziemlich radikal. Sie ist also nicht nur länger als bei den Anleihen, die wir damals ausgegeben haben, sondern das Argument „nun, sie ist nicht wirklich so viel länger als bei dieser Anleihe“ ist möglicherweise eine Extrapolation, die mich ein bisschen nervös macht, dass zu viel Selbstgefälligkeit vorherrscht. Und ich vermute, dass sich diese Selbstgefälligkeit im Zuge allmählich steigender kurzfristiger Zinsen verlagern wird. Ich meine, ich fühle ein bisschen, als eine Art Grundkurs für Rentenwertanleger, dass es früher immer etwas gab, das als Laufzeitaufschlag bezeichnet wurde. In anderen Worten: man bekam mehr dafür, Geld über einen längeren Zeitraum zu verleihen, weil das eigene Kapital hierdurch gebunden wurde. Es gibt natürlich Zeiten, in denen die Zinsstrukturkurve einen inversen Verlauf annimmt, weil wir einen Abschwung der Wirtschaft erwarten, aber ich denke nicht, wissen Sie, wir befinden uns hier im achten Jahr eines wirtschaftlichen Aufschwungs, vielleicht im neunten, und es scheint keinen wirklich guten Grund zu geben, warum diese wirtschaftliche Expansion in naher Zukunft aufhören sollte. Ich sehe also nicht die traditionell invertierte Zinsstrukturkurve, die im Vorfeld einer Rezession zu beobachten ist. Und daher mache ich mir ein wenig Sorgen, dass das Fehlen eines Laufzeitaufschlags am langen Ende des Marktes auf die Kurzsichtigkeit des Marktes über das aktuell niedrige Niveau kurzfristiger Zinsen zurückzuführen ist.

Richard Banks: Welche längerfristige Entwicklung ist da zu erwarten, und wie passt man sich daran an?

John Beck: Wir versuchen Märkte zu finden, die unserer Einschätzung nach angemessenere Preise aufweisen. In manchen Fällen kann dies recht geradlinig sein. Wie Sie wissen, sind die Zinsen in Mexiko aus lokalen Gründen gestiegen, um die Währung während der 2016 verzeichneten politischen Entwicklungen zu verteidigen. Das Zinsniveau des Landes liegt daher deutlich über dem der USA. Ein weiteres Beispiel wären polnische Zinsen im Vergleich zu europäischen Zinsen. Die kurzfristigen Zinsen der polnischen Nationalbank liegen bei 1,5 %, und es hat in dieser Hinsicht seit langem keine Änderung gegeben. Zu einem gewissen Grad kann man Polen meiner Ansicht nach als Struktur einer Zinsstrukturkurve betrachten, die derjenigen der europäischen Zinsstrukturkurve entsprechen würde, wenn die EZB nicht ganz so viele Anleihen kaufen und Notzinsen einführen würde. Man kann also versuchen, in Märkte zu investieren, die in dieser Hinsicht ein bisschen mehr Schutz bieten. Bezüglich der allgemeinen Struktur der herkömmlichen Rentenmärkte lässt sich meiner Ansicht nach nicht leugnen, dass wir uns auf einem relativ hohen Niveau befinden. Also gehen wir eher vorsichtig vor.

Richard Banks: In Bezug auf Großbritannien und den Brexit – worauf sollten wir im Zuge der Entwicklung der Verhandlungen achten?

John Beck: Dies ist, um [den ehemaligen US-Verteidigungsminister] Donald Rumsfeld zu zitieren, „eine unbekannte Unbekannte“. Ich denke, wir beobachten, dass sich ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Unsicherheit allmählich in den britischen BIP-Zahlen [Bruttoinlandsprodukt] bemerkbar macht. Meiner Meinung nach sind dies jedoch tatsächlich breitere, längerfristige Faktoren, die die Produktivität betreffen, was uns wieder zu dem Argument zurückführt, dass ich bezüglich der Fiskalpolitik erwähnt hatte. Oberflächlich kann man die Herabstufung Großbritanniens durch die Rating-Agenturen also auf die höhere wirtschaftliche Unsicherheit, die niedrigeren Wachstumsaussichten zurückführen. Wird das letzten Endes langfristige Auswirkungen auf ein Land haben, das Schuldtitel in der eigenen Währung ausgibt? Wahrscheinlich nicht.

Wird die wirtschaftliche Unsicherheit den Druck auf die Politik erhöhen, etwas für diejenigen Menschen zu tun, die die Auswirkungen dieser schwächeren Wachstumsaussichten am stärksten zu spüren bekommen? Also, einmal mehr, ob es einfach bedeutet, dass schwächeres Wachstum zu niedrigeren Staatseinnahmen und somit zu einem höheren Defizit führt, das finanziert werden muss – ob es mehr Druck gibt, im Sinne von: „es läuft nicht besonders gut… also sollten wir jetzt besser ablenken, indem wir hier ein Infrastrukturprojekt aufsetzen oder etwas anderes tun.“ Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Art sofortiger Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen prognostizieren kann, es gibt immer noch zahlreiche Ungewissheiten.

Ich bleibe in der Regel bei einer mittelfristigen Sicht, d.h. bei einer Fünf- bis Zehn-Jahres-Perspektive, und da haben meiner Meinung nach beide Seiten, wenn man es einmal aus argumentativer Sicht betrachten will, einen Anreiz, ein positives Ergebnis zu erzielen. Ich denke also, dass wir eine breitere Abschwächung des Wachstums verzeichnen werden, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Großbritannien stärker bemerkbar machen sollte als in Europa, da wir uns hier im Kern der Sache befinden und Europa ein höheres BIP vorweisen kann. Danach dürften sich diese Dinge meiner Meinung nach jedoch wieder von selbst ausbügeln.
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