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Anleihen

Verstehen die Märkte die Konsequenzen der Drosselung der EZB-Anleihenkäufe?

Seit Monaten warten die Märkte darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) einen zeitlichen Rahmen für die Drosselung ihres Programms zu quantitativen Lockerung bekannt gibt. Nachdem die EZB nun ihren Plan für 2018 bestätigt hat, fragt David Zahn, Head of European Fixed Income, Franklin Templeton Fixed Income Group, ob sich die Märkte der Konsequenzen dieses Schritts wirklich voll und ganz bewusst sind. Zudem erläutert er, warum die EZB seiner Einschätzung nach noch auf längere Zeit vorsichtig bleiben und eine lockere Geldpolitik verfolgen dürfte.

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Bei ihrer jüngsten geldpolitischen Sitzung hat die Europäische Zentralbank (EZB) bestätigt, dass sie ab Januar nächsten Jahres beginnen wird, ihre quantitative Lockerung zu drosseln, indem sie ihre monatlichen Käufe von 60 Mrd. EUR auf 30 Mrd. EUR verringert. Wir sind allerdings nicht davon überzeugt, dass die Märkte die Konsequenzen dieser Entscheidung in vollem Umfang verstanden haben.

Mit dieser Entscheidung sollte die EZB nun Kurs auf eine Normalisierung ihrer Geldpolitik nehmen. Wir erwarten jedoch nicht, dass diese Reise von kurzer Dauer sein wird. Wir gehen davon aus, dass in der Eurozone noch auf längere Zeit mit einer lockeren Geldpolitik und niedrigen Zinsen zu rechnen ist.

In dieser Hinsicht verfolgt die Eurozone einen anderen Ansatz als die USA, die ein ähnliches Wachstums- und Inflationsprofil aufweisen. Und ähnlich wie die Eurozone verzeichnen auch die USA extrem niedrige Arbeitslosenquoten.

Dennoch bewegen sich die jeweiligen Zentralbanken in entgegengesetzte Richtungen. Nicht nur, dass die US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) ihre Zinsen erhöht und den Umfang ihrer Bilanz verringert, indem sie fällig werdende Papiere nicht erneuert, sie spricht sogar über einen direkten Verkauf von Vermögenswerten.

Eine solche Situation dürfte unserer Einschätzung nach in Europa noch in weiter Ferne liegen. Wir rechnen damit, dass sich die quantitative Lockerung (QE) in der Eurozone noch bis mindestens 2019 fortsetzen dürfte.

Berechtigte Vorsicht

Trotz des Vertrauens in die Stärke der europäischen Wirtschaft halten wir das umsichtige Vorgehen der EZB für richtig.

Seit Einleitung ihres QE-Programms im März 2015 hat die Zentralbank bereits Anleihen im Wert von mehr als 2 Bio. EUR gekauft. Unserer Einschätzung nach wird sie sicherstellen wollen, dass sie den Markt mit ihrem Vorgehen nicht so sehr aus der Bahn wirft, dass dieses Engagement hinfällig wird.

Vor allem ist die Inflationsrate im Euroraum noch weit von dem von der EZB vorgegebenen Ziel von 2 % entfernt, sodass wir davon ausgehen, dass die Geldpolitik weiterhin locker bleiben muss. Darüber hinaus haben Draghi und seine Kollegen zwar genau darauf geachtet, ihre Pläne weit im Voraus zu signalisieren, sie dürften sich jedoch der Tatsache bewusst sein, dass die Märkte manchmal durchaus aufgeschreckt werden können, wenn aus Absichten schließlich Realität wird.

Ein Problem, dass einige Anleger womöglich noch nicht voll und ganz erkannt haben, ist die Tatsache, dass Staatsanleihen am stärksten vom Rückgang der Anleihenkäufe betroffen sein dürften. Wir rechnen damit, dass die Käufe nicht-staatlicher Titel (einschließlich von Pfandbriefen) bei etwa 10 Mrd. EUR pro Monat weitgehend stabil bleiben dürften.

Dies bedeutet, dass sich die Käufe von Staatsanleihen potenziell von 50 Mrd. EUR pro Monat auf 20 Mrd. EUR pro Monat verringern könnten. Eine solche Veränderung könnte erhebliche Auswirkungen auf bestimmte Märkte haben – insbesondere in den europäischen Peripherieländern, in denen die EZB eine wichtige Käuferrolle übernommen hat.  Und es wird sehr wichtig sein, zu sehen, wie der Markt reagiert.

In einigen dieser Märkte könnten wir möglicherweise eine Aufwärtstendenz beobachten, während Anleger abwägen, was das Verschwinden eines großen (und preisunempfindlichen) Käufers bedeuten könnte.

Selbst im Zuge einer Drosselung ihrer Anleihenkäufe würden wir erwarten, dass die EZB Erlöse aus fällig werdenden Wertpapieren erneut anlegt.

Diese Wiederanlage dürfte fast als Ersatz für die quantitative Lockerung dienen und könnte dafür sorgen, dass der Abwärtsdruck auf die Renditen über eine längere Zeit hinweg bestehen bleibt. Darüber hinaus verstärkt dies unsere Einschätzung, dass eine direkte Anhebung der Zinsen durch die EZB frühestens im Jahr 2020 zu erwarten sein dürfte.

Externe Einflüsse

Neben den wirtschaftlichen Aspekten werden die Entscheidungsträger der EZB sicherlich auch die politischen Entwicklungen in Europa im Auge behalten. Diese könnten der von uns erwarteten EZB-Strategie einer längeren Beibehaltung niedriger Zinsen und einer lockeren Geldpolitik ebenfalls Unterstützung bieten.

Wir sehen keine offensichtlichen Warnsignale am Horizont, die die Erholung aus der Bahn werfen könnten, es gibt jedoch mehrere kleinere Reizpunkte, die durchaus Potenzial haben, die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung vorübergehend zu stören.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Regierungen Spaniens und Kataloniens befinden sich unserer Einschätzung nach noch nicht in einem Stadium, in dem sie bedeutenden Einfluss auf die Finanzmärkte haben würden. Diese konstitutionelle Unsicherheit könnte einige Anleger jedoch davon abhalten, in Katalonien oder sogar in Spanien überhaupt zu investieren.

Unseres Erachtens könnte eine Eskalation des Konflikts in Spanien dem Wachstum des Landes einen Dämpfer verpassen.

Größere Sorgen könnten möglicherweise die Brexit-Verhandlungen verursachen, da hier scheinbar keinerlei bedeutende Fortschritte erzielt werden.

Ein „Crash Brexit“, bei dem das Vereinigte Königreich die Europäische Union ohne bestehendes Handelsabkommen verlässt, dürfte negative Auswirkungen auf die Wirtschaft der Eurozone haben. Dies dürfte gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die EZB selbst versucht, aus ihrem QE-Programm auszusteigen, für Turbulenzen sorgen.

Etwaige Auswirkungen dürften sich besonders stark in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Irland bemerkbar machen, die als Wachstumstreiber für die Eurozone fungiert haben.

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Die Kommentare, Meinungen und Analysen in diesem Dokument dienen nur zu Informationszwecken und sind nicht als persönliche Anlageberatung oder Empfehlung für bestimmte Wertpapiere oder Anlagestrategien anzusehen. Da die Märkte und die wirtschaftlichen Bedingungen schnellen Änderungen unterworfen sind, beziehen sich Kommentare, Meinungen und Analysen auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung und können sich ohne Ankündigung ändern. Dieses Dokument ist nicht als vollständige Analyse aller wesentlichen Fakten in Bezug auf ein Land, eine Region, einen Markt, eine Anlage oder eine Strategie gedacht.

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Welche Risiken bestehen?

Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des potenziellen Verlusts des Anlagekapitals. Der Wert von Anlagen kann fallen oder steigen, und Anleger erhalten möglicherweise nicht den vollen Anlagebetrag zurück.Anleihenkurse entwickeln sich im Allgemeinen entgegen der Richtung der Zinsen. Wenn sich also die Anleihenkurse in einem Investmentportfolio an steigende Zinsen anpassen, kann der Wert des Portfolios sinken. Anlagen in ausländischen Wertpapieren sind mit besonderen Risiken behaftet, darunter Währungsschwankungen sowie ungewisse wirtschaftliche und politische Entwicklungen.