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Perspektiven

Unterschätzen die Märkte die Chance auf einen britischen Verbleib in der EU?

Neun Monate vor dem offiziellen Datum des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) bleibt noch vieles rund um das Verfahren und das Ergebnis unklar. Der jüngste Rücktritt zweier prominenter Brexit-Befürworter aus der britischen Regierung verstärkte die Unsicherheit um den Ausblick weiter. In diesem Artikel versucht Sandy Nairn, Chairman von Templeton Global Equity Group, das Wichtige herauszufiltern und vor der Schlussphase der Verhandlungen die wahrscheinlichen Szenarien für Großbritannien und die EU zu beschreiben. Er weist darauf hin, dass es unter Umständen eine höhere Wahrscheinlichkeit für den Verbleib Großbritanniens in der EU gibt, als viele Beobachter denken.

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Obwohl die Märkte generell davon ausgehen, dass sich Großbritannien und die Europäische Union (EU) auf irgendeine Form von „weichem Brexit“ einigen werden, ist weder der Begriff noch der Zeithorizont klar.

Für die meisten Beobachter geht ein „weicher Brexit“ mit der Vorstellung einher, dass die Handelsabsprachen für Waren und Dienstleistungen weitgehend unverändert bleiben werden. Aber bedeutet dies, dass ein solches Abkommen innerhalb des vorgegebenen Zeitplans von den EU-Mitgliedstaaten angenommen wird, oder ist dies eine Warteschleife, in der die Bedingungen für die Zeit nach dem Austritt ausgehandelt werden?

Zwei Versionen des weichen Brexit: Entscheide jetzt …

Die erste Version des weichen Brexit impliziert, dass Großbritannien in einigen Bereichen weiterhin die EU-Rechtsprechung akzeptiert, um die wichtigsten Komponenten des Freihandels bei Waren und Dienstleistungen beizubehalten.

Dies scheint der Gegenstand des Kompromissvorschlags, der sog. Vereinbarung von Chequers, zu sein, zu der sich Theresa May und ihr Kabinett Anfang Juli durchrangen. Ihr Vorschlag, der dem sog. Norwegen-Modell ähnelt, würde einen Freihandelsraum für Waren beinhalten und den Verkehr von Dienstleistungen, Kapital und Personen beschränken.

Er löste jedoch bereits neue Unsicherheit aus: Zwei prominente Brexit-Befürworter – Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis – sahen sich außerstande, den Plan zu unterstützen, und traten zurück. Dies warf Zweifel auf, ob Frau May in der Lage sein wird, sich die Unterstützung der Konservativen Partei zu sichern.

Unterdessen kritisierten EU-Unterhändler bereits vorherige Testballons und bezeichneten diese Positionen als „magisches Denken“.

… oder entscheide später

Die verzögerte Version des weichen Brexit ist ähnlich. Die abschließenden Entscheidungen über wichtige institutionelle Abkommen werden jedoch im Laufe der Zeit getroffen.

Ungeachtet kurzfristiger Abkommen würde Großbritannien bei diesem Szenario jedoch ins Blaue fahren. Dies ist ein klassisches politisches Manöver, um etwas auf die lange Bank zu schieben und sich nicht genau festlegen zu müssen, bis es zu spät ist, etwas zu ändern.

Es ist zu beachten, dass dieses „Entscheide später“-Szenario nicht zwangsläufig in einem weichen Brexit münden wird. Es bedeutet nur, dass die harten Entscheidungen auf einen Zeitpunkt verschoben werden, an dem die Wähler keinen Einfluss mehr haben. Überdies würden die anschließenden Verhandlungen von einem „ausgetretenen“ Großbritannien mit erheblich weniger Einfluss geführt.

Es ist nicht sicher, dass beide Märkte und die wichtigsten politischen Kräfte diesem Kompromiss für einen begrenzten Zeitraum zustimmen, und es wäre zunehmend mit wachsender Unruhe zu rechnen.

US-Geringschätzung der WTO wirft Fragen über harten Brexit auf

Die Alternative oder dritte Option ist ein „harter Brexit“, bei dem Großbritannien ohne Abkommen austritt. Dies ist eine gleichermaßen undurchsichtige Version.

Das Lager pro harten Brexit stützt sich auf die provisorische Rückfallposition mit den Zolltarifen der Welthandelsorganisation (WTO), um die Ansicht zu stärken, dass der britische Handel relativ verschont bliebe.

Doch die WTO-Regeln existieren nur insoweit, wie sie einen Rahmen darstellen, innerhalb dessen die USA zu handeln bereit sind. Die Trump-Administration machte klar, dass sie den bestehenden Handelsrahmen nur in geringem Maße schätzt. Die Folgen dessen für Großbritannien sind offensichtlich: mehr Unsicherheit.

Alle Optionen bleiben auf dem Tisch

In Anbetracht der institutionellen Hürden für ein Abkommen im erforderlichen Zeitraum sind wir skeptisch, dass das relativ freundliche Szenario eines weichen Brexit das wahrscheinlichste Ergebnis ist. Nach unserem Dafürhalten ist die Lage viel differenzierter, und möglicherweise gibt es eine gleich hohe Wahrscheinlichkeit für mehrere verschiedene Ergebnisse.

Alle diese Ergebnisse weisen in Bezug auf die Bedingungen des Brexit und auf die Folgen für die politische Stabilität Unsicherheit auf. Da die Wahrscheinlichkeit einer ausgehandelten „weichen“ Einigung innerhalb der Austrittsphase sehr gering ist, erlangen die Abläufe und die Abfolge künftiger Entscheidungen und deren Auswirkungen viel größere Bedeutung.

Potenzielle Szenarien deuten auf möglichen Verbleib hin

Basierend auf den Einschätzungen erfahrener Parlamentarier, Diplomaten und Geschäftsleute halten wir sechs Szenarien für möglich:

  1. Parlament stimmt zu: Das Parlament stimmt im Oktober/November einem Abkommen mit der EU zu, um den Brexit zu vollziehen.
  2. No-Deal-Szenario: Konservative Brexit-Hardliner lehnen das Abkommen ab, bzw. es gibt keinen Deal, weil die britische Regierung nach wie vor jede Form von Zollunion ablehnt.
  3. Parlamentswahl: Das Parlament lehnt sowohl das Abkommen als auch die Aussicht auf ein fehlendes Abkommen ab. Wege aus der Sackgasse wären aus unserer Sicht ein Führungswechsel bei den Konservativen und/oder Neuwahlen, die die Wahrscheinlichkeit einer neuen, von Labour geführten Regierung erhöhen.
  4. Parlament schiebt es auf die lange Bank: Anstatt dem Abkommen zuzustimmen oder ohne Abkommen auszutreten, könnte das Parlament die Regierung mit der Fortsetzung der Verhandlungen beauftragen. Großbritannien müsste dann alle 27 anderen EU-Mitgliedstaaten überzeugen, einer Verlängerung der vertraglichen zweijährigen Verhandlungsphase zuzustimmen.
  5. Brexit umwerfen: Das Parlament könnte von der Regierung verlangen, die Mitteilung der Austrittsabsicht von Artikel 50 zurückzunehmen. Verfassungsexperten halten dies rechtlich für machbar. Großbritannien wäre nicht ausgetreten, und die Bedingungen seiner Mitgliedschaft wären unverändert. Aber für die Regierung wäre eine solche Kehrtwende nahezu unmöglich. Es bräuchte wohl ein Referendum, um das Referendum zu kippen.
  6. Volksabstimmung: Das Parlament könnte die Entscheidung für ein zweites Referendum, bei dem der Austritt zu den ausgehandelten Bedingungen oder der Verbleib zur Wahl stünden, an das Volk zurückverweisen. Aktuelle Umfragen zeigen, u. a. bei Mitgliedern der Labour-Partei, eine Mehrheit für ein Referendum über das Abkommen, wobei die Unterstützung bei den unter 35-Jährigen besonders groß ist.

Diese Szenarien zeigen zweierlei: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit politischer Turbulenzen erheblich und das Risiko eines Regierungswechsels muss ernsthaft erwogen werden; zweitens ist die Wahrscheinlichkeit des Verbleibs Großbritanniens in der EU viel höher, als die Märkte annehmen.

Argumente für ein zweites Referendum

Es könnte zu einem zweiten Referendum kommen, da dies für beide großen britischen Parteien den Ausweg bietet, nicht die Verantwortung für das mögliche Ergebnis übernehmen zu müssen. Das Risiko des „falschen“ Ergebnisses ist den Brexit-Hardlinern ein Dorn im Auge, doch ein zweites Referendum ist möglicherweise für alle der Weg des geringsten Widerstandes.

Überdies bietet die fehlende Klarheit des Brexit-Begriffs beim ersten Referendum das legitime Argument, dass der Wähler eine klare Wahlmöglichkeit erhalten soll, wenn der Begriff abschließend festgelegt ist. Es ist durchaus nicht unvorstellbar, dass der Wähler sich für diese Einschätzung erwärmen könnte.

Andererseits lautet das Gegenargument der Austrittskampagne, dass diese Option die EU zu einer harten Haltung ermuntern würde, um eben diese Position bei einem zweiten Referendum zur Wahl zu stellen. Welcher Weg eingeschlagen wird, dürfte in Anbetracht der fein austarierten Mehrheitsverhältnisse im Parlament und des zugrunde liegenden Abstimmungsverhaltens vor allem durch die engen Leitlinien von Parteivorteilen bestimmt werden.

Bedeutung für Anleger: mögliche Änderung der britischen Wirtschaftspolitik

Es gibt zweierlei bedeutsame Informationen für den Markt. Erstens besteht – wenn auch vor dem Hintergrund einer noch größeren wirtschaftlichen Unsicherheit – eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen britischen Verbleib, als bisher angenommen. Zweitens sind die Turbulenzen, die auf das Taumeln Großbritanniens in Richtung eines Ergebnisses folgen könnten, voller politischer Gefahren.

Mindestens einer der Wege zu einer Entscheidung über die EU ist mit dem Fall der konservativen Regierung und ihrer Ablösung durch eine Labour-Regierung verknüpft, deren Wirtschaftspolitik bei manchem Anleger Bedenken auslösen könnte.

Bisher wurde die Rhetorik der Labour-Partei weitgehend ignoriert, aber es sollte daran erinnert werden, dass die Verstaatlichung von Versorgungs- und Verkehrsbetrieben sowie Finanzinstituten auf der Prioritätenliste ganz oben steht. Von einer Haltung straffer Fiskal- und lockerer Geldpolitik, die für die Anlagemärkte günstig ist, würden wir zum Gegenpol gelangen.

Dies führt zu einem klassischen Investment-Dilemma. Die Chancen stehen für „Ausweichen/Aufschieben“, „harter Brexit“ und „Verbleib“ vermutlich gleich.

Aus unserer Sicht ist der weiche Brexit oder die Ausweichoption weniger eine Lösung als vielmehr ein Weg, harte Entscheidungen zu umgehen. Es erscheint zunehmend wahrscheinlich, dass diese Erkenntnis irgendwann deutlich zum Vorschein kommen wird.

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